Folge 11: Publikationsverhalten von Ökonom:innen in Deutschland

The Future is Open Science – Folge 11: Das Publikationsverhalten von Ökonom:innen in Deutschland

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Dr. Doreen Siegfried
Leitung Marketing und Public Relations, ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft

Kristin Biesenbender
Wissenschaftliche Redakteurin beim Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft

[00:00:03] Doreen Siegfried:
Willkommen bei “The Future is Open Science”, dem Podcast der ZBW. Hier verraten Ihnen interessante Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb, wie sie in ihrer täglichen Arbeit Open Science voranbringen. Wir tauchen ein in die Tiefen der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter und verraten Ihnen handfeste Tipps und Tricks zu Open Science in der Praxis. Ich bin Doreen Siegfried und freue mich sehr, Host dieses Podcast zu sein.

[00:00:33] Doreen Siegfried:
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von “The Future is Open Science”, dem Podcast der ZBW. Ich freue mich sehr, dass Sie eingeschaltet haben, denn wir reden heute über das Publikationsverhalten von Ökonom:innen in Deutschland und über Trends und Entwicklungen im wissenschaftlichen Publikationssystem. Und dazu habe ich mir Kristin Biesenbender eingeladen. Herzlich willkommen, Kristin.

[00:01:00] Kristin Biesenbender:
Hallo, ich freue mich da zu sein.

[00:01:02] Doreen Siegfried:
Ich stelle einmal unsere Gästin vor: Kristin ist Ökonomin und Kommunikations-wissenschaftlerin. Und seit zehn Jahren ist sie wissenschaftliche Redakteurin beim Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik in der ZBW. Und sie hat in diesem Kontext schon rund 150 Wirtschaftsdienstzeitschriften auf den Weg gebracht. Kristin ist zudem Organisatorin der “Fachtagung zur Lage der sozial- und geisteswissenschaftlichen Zeitschriften” und wurde auch in den letzten Jahren oft gesehen beim YES! – Young Economic Summit, als wissenschaftliche Partnerin, Mentorin und Expertin. Seit Mai 2018 arbeitet sie jetzt an ihrer Promotion im Bereich Wissenschaftsforschung an der Universität Hamburg. Und darüber wollen wir heute sprechen.

Kristin, du analysierst das Publikationsverhalten von Ökonominnen und Ökonomen in Deutschland und hast jetzt in den letzten Jahren über 15.000 Publikationen von 300 VWLer:innen in ganz Deutschland analysiert. Was fasziniert dich an dem Thema?

[00:02:18] Kristin Biesenbender:
Ja, erstmal vielen Dank für die Einladung. Also das ist ein faszinierendes Thema, weil publizieren wissenschaftlicher Artikel ist ja eigentlich der Dreh- und Angelpunkt wissenschaftlichen Arbeitens. Also hier kumuliert sich alles, was wissenschaftliche Arbeit ausmacht. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu veröffentlichen, bedeutet ja ganz viel. Also das, was einem zuerst einfällt ist, man publiziert etwas und sagt “Hey, schau mal, das habe ich herausgefunden. Und zwar als erste.” Das ist ja ein ganz entscheidender Schritt, den Wissenschaftler gehen und das ist auch ein entscheidender Schritt, weil man Dinge reklamieren kann für sich und dass man selber etwas herausgefunden hat. Und dann ist es natürlich wichtig, weil Publikationen anschlussfähig sind. Es ist natürlich ein großer Vorteil, wenn man sagen kann: “Ja, ich habe etwas publiziert, das können jetzt andere lesen. Sie können das zitieren. Sie können darauf aufbauen in Ihrer Forschung.” Das Newton zugeschriebene Sprichwort “auf den Schultern von Riesen” wird ja immer gerne in diesem Zusammenhang zitiert, weil man in der Wissenschaft ja auf das aufbaut, was andere vor einem schon veröffentlicht, erarbeitet, herausgefunden haben. Von daher nehmen Publikationen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem eben eine ganz zentrale Rolle ein. Und Publikationen haben einmal eben diesen “Ja, ich hab’s herausgefunden – als erste”- Effekt, aber sie haben eben –  ganz wichtig – auch die Möglichkeit, dass man sich seine wissenschaftliche Forschung zertifizieren lassen kann. Also dass man sagen kann: “Ja, das haben andere auch gelesen und haben es geprüft nach wissenschaftlichen Standards und haben es für gut befunden, dass es eben auch in einer wissenschaftlichen Zeitschrift beispielsweise erscheint.” Und dann hat man eben auch ein erstes Zertifikat dafür dann, dass das gute wissenschaftliche Forschung ist und dass man mit dem, was man macht, auf dem richtigen Weg ist. Und eben ganz wichtig, dass das auch einen Neuigkeitswert hat. Um wieder darauf zurückzukommen, ja, man baut auf etwas auf, was man schon herausgefunden hat.

[00:04:14] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:04:14] Kristin Biesenbender:
Für mich als Sozialwissenschaftlerin, ich habe Volkswirtschaftslehre und Kommunikationswissenschaften studiert und meine Promotion ist jetzt in der Wissenschaftssoziologie angesiedelt, bin ich da eben auch ganz breit aufgestellt und man schaut aus sozialwissenschaftlicher Perspektive dort drauf und sagt, “Ja, das ist ja interessant.” Und jetzt in meinem Fall mit der Volkswirtschaftslehre, schaut man auf den Menschen und sagt, „Wie verhalten sich eigentlich Menschen in diesem Wissenschaftssystem?“

[00:04:41] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:04:42] Kristin Biesenbender:
„Warum publizieren die eigentlich? Was sind deren Anreize? Was sind die Rahmenbedingungen, in denen sie sich bewegen? Wie ist das Wissenschaftssystem ausgestaltet? Wovon hängen die ab? Und warum treffen die halt ihre Publikationsentscheidung, so wie sie die treffen?” Und natürlich bin ich fasziniert von dem Anwendungsfall VWL, das ist mein eigenes wissenschaftliches Herkommen. Damit hab‘ ich mich in den letzten zehn Jahren als wissenschaftliche Redakteurin eben auch intensiv beschäftigt. Und das ist dann, lag das eigentlich ganz auf der Hand, dass in dem Rahmen eben auch ein Dissertationsprojekt anzufangen. Und ja, ich stecke da noch mittendrin. Es ist tatsächlich, du hast es gerade angesprochen, ich habe jetzt 15.000 Publikationen ausgewertet von VWLer:innen in Deutschland und habe da schon meine ersten Erkenntnisse daraus gezogen. Aber es ist ganz klar ein qualitativer Forschungsansatz bei mir und was jetzt im nächsten Schritt folgen wird, werden die Interviews sein, mit zehn bis fünfzehn Wissenschaftler:innen, indem ich dann tatsächlich das, was ich angesprochen habe, diese Fragen beantworten will. Ich kann jetzt gleich auch schon im Detail was darüber sagen.

[00:05:52] Doreen Siegfried:
Ja, unbedingt. Ja.

[00:05:53] Kristin Biesenbender:
Und die ersten Trends und so, die es da im Wissenschaftssystem gibt und da kommen wir ja auch noch drauf zu sprechen. Aber von Anfang an ist es für mich eben, steht es im Vordergrund, die Erklärungsmuster und Hintergründe und warum handeln die Akteure wie im System, das noch näher in Interviews zu beleuchten.

[00:06:10] Doreen Siegfried:
Ja, super. Okay. Wenn, du hast ja jetzt schon gesagt, du hast schon eine Weile dich mit dem Thema auseinandergesetzt, es liegen schon die ersten Daten vor. Was kannst du denn sagen, was verändert sich denn gerade im wissenschaftlichen Publikationssystem jetzt bei den Ökonom:innen?

[00:06:25] Kristin Biesenbender:
Ja, also ganz allgemein gibt es natürlich erst einmal so große Trends im Wissenschaftssystem, die sich bei den Ökonomen genauso niederschlagen wie für andere Fachgebiete auch. Also haben wir zum Beispiel die Digitalisierung, die sich jetzt auch dadurch äußert, gerade bei den Ökonomen ist das eben ein interessanter Aspekt, dass man ja immer sehr stark auch auf Rankings schaut und dass das eine große Wichtigkeit hat. Dafür ist die Digitalisierung natürlich die Voraussetzung, weil ohne das hast du nicht diese großen Datenmengen vorliegen über Publikationen, die Vergleichbarkeit, wann was von welchen Autoren vergleichbar ist. Und das sind natürlich Möglichkeiten, diese großen Datenmengen jetzt auch auszuwerten und in Rankings zu publizieren. Und danach richten sich ja auch viele Ökonomen aus. Von daher bietet die Digitalisierung da große Möglichkeiten. Aber, allein wenn man auf die Workflows und Arbeitsweisen schaut, die das Wissenschaftssystem revolutioniert haben, die Möglichkeit Daten auszutauschen, über Cloud-Dienste auszutauschen, zu kollaborieren, an gemeinsamen Dokumenten zu arbeiten und an Daten gemeinsam zu schreiben, ganz über die ganze Welt verteilt. Also das ist natürlich, gibt natürlich ganz andere Möglichkeiten, als wenn du in deiner lokalen kleinen Forschergruppe sitzt, hat die Digitalisierung natürlich die Wissenschaft dahingehend revolutioniert. Genau was die Wissenschaft…Ja?

[00:07:48] Doreen Siegfried:
Und konntest du das denn beobachten, wo du jetzt gerade sagst, okay, es gibt theoretisch die Möglichkeit, zusammen zu schreiben mit anderen Wirtschaftsforschenden aus der ganzen Welt. Also findet das dann tatsächlich statt oder ist das eine Karte, die noch gar nicht gezogen wird?

[00:08:03] Kristitin Biesenbender:
Ja, das kann ich tatsächlich aus meinen Daten jetzt so nicht so sehen. Das sind Beobachtungen, die ich jetzt aus anderen wissenschaftlicher Literaturrecherche ziehe. Wo ich mich aber auch freue, dass tatsächlich in den Interviews dann auch nochmal nachzuzeichnen.

[00:08:16] Doreen Siegfried:
Okay.

[00:08:16] Kristin Biesenbender:
Also, gerade man kann das jetzt so an bestimmten Daten, wenn ich das schon mal vorwegnehme, auch sehen, dass tatsächlich es eine größere Form von Kooperation gibt, alleine dadurch, dass die Zahl der Co-Autoren steigt. Also das lässt sich schon schnell zeigen, dass, wo früher Publikationen als einzelner Wissenschaftler oft herausgegeben wurden oder auch mit einem Co-Autor, dass das jetzt tatsächlich sich stark verändert und es eine starke Tendenz gibt, dass man jetzt mit zwei, drei oder vier Co-Autor:innen zusammen schreibt. Und das lässt sich schon zeigen. Und das müsste man dann tatsächlich in Interviews nochmal vertiefend herausfinden, ob das daran liegt, dass die mehr kollaborieren und mehr miteinander zusammenarbeiten und in größeren Forschergruppen arbeiten oder ob es auch andere Gründe dafür gibt. Ein Anreiz könnte natürlich zum Beispiel sein, dass, wenn man jetzt wirklich ganz rational auf die Rankings schaut, das eine zeitlang ja tatsächlich auch nur die Möglichkeit geboten hat, mehr zu publizieren. Wenn man sich jetzt, sagen wir mal, auf Publikationen beteiligt hat, der eigene Anteil aber nicht so groß war, das für die Rankings ja lange Zeit auch so gewertet wurde, als ob man das eben als alleiniger Autor verfasst hat. Das hat sich mittlerweile geändert und…

[00:09:29] Doreen Siegfried:
Ah okay.

[00:09:29] Kristin Biesenbender:
…die Ranking-Algorithmen passen sich da auch an. Aber lange Zeit könnte das jetzt auch ein ganz rationaler Grund gewesen sein. Ja, da dass es größere Zahlen von Co-Autoren gab. Aber das wären Fragen, ja, da freue ich mich, die in den Interviews nochmal denen nochmal nachzugehen.

[00:09:47] Doreen Siegfried:
Ja, okay. Also das heißt, wenn du sagst, okay, es gibt aufgrund der Digitalisierung und aufgrund auch der anderen Zählung in den Rankings die Möglichkeit, dass jeder Co-Autor, jede Co-Autorin, die auf dem Papier steht, mitgezählt werden. Würdest du sagen, das ist so eine Art Huckepack-Prinzip, dass man irgendwie alle seine Doktorand:innen, alle seine Kolleg:innen mit auf das Paper schreibt, damit die dann letztlich in den Rankings auftauchen oder wie kann man das erklären?

[00:10:17] Kristin Biesenbender:
Ja, das könnte so sein, muss aber nicht. Also wie gesagt, es gibt ja auch tatsächlich viele Projekte, die mittlerweile über die DFG oder über andere Forschungsgemeinschaften gefördert werden. Bei diesen Projekten ist es, gibt es auch eine große Tendenz, dass man sich da in größeren Forschungsgruppen auch immer zusammenfindet. Das heißt, es gibt, ähnlich wie in den Naturwissenschaften, in den Wirtschaftswissenschaften auch eine Tendenz, durchaus in größeren Forschungsgruppen zusammenzuarbeiten. Und die Ergebnisse, kann man sich ja vorstellen, werden tatsächlich ja auch mit vielen Autor:innen gemeinsam publiziert. Es ist ja auch so in der Volkswirtschaftslehre in Deutschland gibt es ja auch viele Publikationen, die auf der beispielsweise der Gemeinschaftsdiagnose oder so beruhen. Das sind ja auch schon viele Forschungsinstitute, die daran beteiligt sind, mit vielen Mitarbeitern. Und da ist es ja tatsächlich so, dass jedes Institut und auf den verschiedenen Ebenen bestimmte Beiträge dazu liefern, dass diese Konjunkturanalysen auch so genau sind und von vielen Wissenschaftlern geprüft sind. Und dann ist es ja auch gut und entspricht mehr den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, dass die alle auch genannt werden. Möglicherweise ist es auch umgekehrt so, dass früher Leute, die einen kleinen Beitrag geleistet haben, überhaupt nicht mitbenannt worden sind.

[00:11:33] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:11:33] Kristin Biesenbender:
Und vielleicht ist das eigentlich auch ein Zeichen besserer Qualität oder eines, sagen wir mal, gerechteren Wissenschaftssystems, dass es mittlerweile Praxis ist, dass alle, die an einer Arbeit beteiligt sind, auch genannt werden. Das lässt sich für die Naturwissenschaften ja schon sehr lange zeigen.

[00:11:46] Doreen Siegfried:
Ja okay.

[00:11:47] Kristin Biesenbender:
Vielleicht auch diejenigen, jetzt fällt mir gerade noch ein Aspekt ein, …

[00:11:49] Doreen Siegfried:
Ja?

[00:11:50] Kristin Biesenbender:
… den ich interessant finde. jetzt einfach nur so als These, den ich noch gar nicht so belegen könnte, ist natürlich, dass, wenn man mehr mit Daten arbeitet, es ja auch sehr viel mehr Datenmanager gibt und Datenmanagerinnen. Und das sind ja auch Tätigkeiten, die noch hinzukommen und wo auch eben dann andere wahrscheinlich ein Know-how haben als jetzt die Wissenschaftler, die sozusagen den letzten Teil der Publikation verfassen, sondern es müssen ja viele Vorarbeiten geliefert werden und so und möglicherweise werden Forschergruppen alleine auch in der Volkswirtschaftslehre dadurch größer, dass man viel mehr mit großen Datenmengen arbeitet. Das lässt sich ja zeigen, dass empirische Wirtschaftsforschung eindeutig auf dem Vormarsch ist.

[00:12:29] Doreen Siegfried:
Ja, okay. Konntest du denn jetzt, also du hast ja gesagt, du hast schon einen ganzen Teil an Daten vorliegen, kannst du denn auch irgendwie eine Entwicklung oder eine Veränderung beobachten, wo publiziert wird? Also ändern sich die Orte, wo das Wissen geteilt wird? Sind es immer noch die klassischen hoch gerankten Journals? Oder gibt’s da irgendwie Veränderungen?

[00:12:59] Kristin Biesenbender:
Ja, also tatsächlich verändert sich da gar nicht so viel. Ich hatte das eigentlich so vermutet und hab gedacht, ja, das müsste man eigentlich ganz klar zeigen können, dass die Zahl der Zeitschriftenartikel enorm ansteigt. Und in kleinen Teilen sieht man das auch. Also wir haben ja auch noch Publikationsformate wie Bücher, die verfasst werden oder auch, in der VWL sehr beliebt, Aufsätze in Sammelbänden zu verfassen. Das ist tatsächlich aber zurückgegangen.

[00:13:28] Doreen Siegfried:
Ah okay.

[00:13:28] Kristin Biesenbender:
Und ich hab meine Stichprobe auch danach geschichtet, dass ich mir bestimmte Gruppen angeschaut habe. Das heißt, ich kann einmal für Promovierte, die noch nicht Professoren sind, im Wissenschaftssystem, aber eben schon auch länger dabei sind und eine gewisse Anzahl von Publikationen aufweisen, etwas aufzeigen. Im Gegensatz zu Professoren, die am Anfang ihrer Karriere sind, so in den ersten 20 Jahren und Professoren, die eher am Ende ihrer Karriere sind, in der zweiten Karrierehälfte, die letzten 30 Jahre. Und wenn man diese drei Gruppen miteinander vergleicht, kann man feststellen, dass die jüngeren Gruppen, also die Promovierten und die Professoren am Anfang ihrer Karriere, tatsächlich deutlich weniger Veröffentlichungen schon mal in Sammelbänden und Monographien haben. Und dass das auch bei der älteren Gruppe, wenn man das so über den Zeitraum betrachtet, durchaus auch abnimmt. Also kann man wirklich sagen, ja, Working Paper und Aufsätze in Zeitschriften, das sind die beiden großen, sind die großen Publikationswege, die die Volkswirte und Volkswirtinnen in Deutschland nutzen. Und die anderen beiden werden wirklich vernachlässigbar. Aber bei den Working Papern und bei den Zeitschriftenaufsätzen verändert sich so viel eigentlich im Verhältnis nicht.

[00:14:40] Doreen Siegfried:
Ja, okay.

[00:14:40] Kristin Biesenbender:
Und es hätte ja tatsächlich eine These sein können, dass man sagt so „Ja, der Publikationsdruck ist immens und man braucht diese Veröffentlichungen in den Top Journals ganz dringend, um sich Karriereoptionen zu eröffnen, um auch in Drittmittelprojekte reinzukommen. Und man weiß ja, dass diese Publikationen auch eine Währung sind. Und auch um Anerkennung und Reputation zu erlangen im Wissenschaftssystem.“ Und dann hätte ja eine These sein können, dass die Working Paper eigentlich Zeitverschwendung sind und dass das zurückgeht. Das ist aber wirklich nicht der Fall. Also das kann man nicht zeigen, sondern die Working Paper spielen in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor eine große Rolle. Und da ist wirklich spannend, sich anzuschauen, woran das eigentlich liegt. Und dann stellt man sich die spannende Frage, sind das eigentlich Anreize? Also wie gesagt, dieser Publikationsdruck? Oder ist es auch eine große Kultur, wie man veröffentlicht?

[00:15:33] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:15:33] Kristin Biesenbender:
Also, Working Paper sind im Grunde genommen, das ist, in der Volkswirtschaftslehre gibt’s die ja seit den 50er Jahren. Also es ist ja viel länger als auch in anderen Wissenschaften, dass man halt in Working Papern veröffentlicht und dann ist es vielleicht einfach eine kulturelle Frage. Vielleicht spielt dieses “das haben wir als Wissenschaftler in der VWL immer so gemacht” und bei vielem, was ich jetzt festgestellt habe, hab‘ ich den Eindruck, dass das Wissenschaftssystem auch sehr resistent gegen Veränderungen sein kann, sag ich mal vorsichtig. Ist das vielleicht, viele Dinge, die auch einfach doch so bleiben, wie sie sind, weil sie sich für irgendwas als gut herausgestellt haben. Und das ist ja dann das Spannende zu gucken, was hat sich denn da als gut herausgestellt? Warum bleibt man denn bei bestimmten Publikationswegen und -formen und gerade bei den Working Papern finde ich das dann ja wirklich ganz faszinierend, dass man das immer noch macht. Und dann kann man eigentlich, würde ich da jetzt fragen, was sind denn eigentlich die Funktionen von Publikationen? Also es gibt ja diese klassische, hab’ ich ja ganz am Anfang angesprochen, Priorisierung. Und dieses zertifizieren durch wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften, die durch ein Peer Review-Verfahren gegangen sind. Und da gibt es ja im Wissenschaftssystem, wäre jetzt eine These, ja auch eben diese langen Zeitverzögerungen.

[00:16:51] Doreen Siegfried:
Absolut.

[00:16:53] Kristin Biesenbender:
Dass man, wenn man durch so ein Peer Review-Verfahren geht, das eben auch, ja manchmal bis zu anderthalb Jahre dauern kann, bis man so einen Artikel wirklich in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht hat. Das ist dann noch immer wichtig, weil du diese Zertifizierung brauchst. Aber der ganze Effekt “Hey, das hab‘ ich herausgefunden und zwar als erste”, den kannst du im Grunde genommen damit dann nicht mehr erreichen. Und die Zahl der Wissenschaftler erhöht sich ja auch. Die Wissenschaft wächst ja auch. Es gibt ja eine Ausdifferenzierung in immer unterschiedlichere Fachgebiete. Das gibt es ja auch in der VWL. Und du weißt eigentlich schon gar nicht so genau, wer alles auch noch an den gleichen Themen möglicherweise arbeitet wie du. Und dann sind diese Working Paper, die du im Grunde genommen in Reihen herausgeben kannst, die ja auch schon eine gewisse Qualität signalisieren, weil sie müssen es auch erstmal in so eine Reihe rein schaffen, dann ja tatsächlich so ein „Ja, das habe ich jetzt herausgefunden und das können jetzt andere schon mal rezipieren und sehen. Und darauf kann ich mich dann auch berufen.“ Und damit kann ich sozusagen so eine Priorisierung schon festlegen. Das wäre ja eine Funktion, weshalb man sich vorstellen könnte, dass das System sich da gar nicht so verändert hat, was die Formate angeht

[00:18:06] Doreen Siegfried:
Und kannst du, kannst du da irgendwie Verhältnisse, Zahlen angeben, also wie viele Working Paper kommen in Summe, wenn ich mir den Gesamtpublikationsoutput anschaue, auf einen Journal-Artikel? Also gibt es mehr Working Paper als dann am Ende des Tages Journal-Artikel?

[00:18:25] Kristin Biesenbender:
Ja, das auf jeden Fall. Das liegt ja zum einen schon auch daran, dass du Working Paper oft in verschiedenen Reihen publiziert. Das macht es den wissenschaftlichen Output und auch das Selektieren für Forscher ja vielleicht auch nicht gerade einfacher, weil Working Paper erscheinen oft ja auch in mehreren Reihen. Das heißt, du bist vielleicht, wenn du mit drei Co-Autor:innen zusammenarbeitest, die an verschiedenen Institutionen sitzen, dann hat vielleicht jede Institution ihre eigene Working Paper-Reihe und dann erscheint das möglicherweise schon dreimal.

[00:18:51] Doreen Siegfried:
Ja, okay.

[00:18:52] Kristin Biesenbender:
Also das, das könnte eben schon sein. Und dadurch gibt es einfach grundsätzlich mehr Working Paper. Es gibt tatsächlich auch ja Working Paper, die es nicht in wissenschaftliche Zeitschriften schaffen. Das liegt dann daran, entweder entscheiden sich die Autoren gleich, vielleicht kriegen sie auch schon Feedback aus ihrer Community, “Ja nö, das ist jetzt vielleicht gar nicht so interessant” oder “Hier musst du das und das nochmal berücksichtigen”, sodass es da auch noch oft noch mehrere Runden gibt, in der auch nochmal Working Paper auch durchaus nochmal neu aufgelegt werden und nochmal ein paar Jahre später nochmal erscheinen. Das finde ich auch interessant, überhaupt zu beobachten, dass Wissenschaftler da auch manchmal an ihren Themen auch dranbleiben und offensichtlich damit dann auch nicht in Zeitschriften, auch wenn sie es üblicherweise versuchen, reinkommen, sondern dass die Working Paper auch immer wieder überarbeitet und wieder neu aufgelegt werden. Und sie sagen: “Das war doch eigentlich eine gute Idee. Ich versuche das nochmal doch wieder nach vorne zu bringen”.

[00:19:44] Doreen Siegfried:
Okay, also das herzuzeigen also so, wie soll ich sagen, zeige Biss und Geduld, bis das Paper so gut geschliffen ist, dass es dann veröffentlicht werden kann.

[00:19:53] Kristin Biesenbender:
Ja, genau. Und das passiert sowohl bei den Working Papern als auch bei den Zeitschriftenaufsätzen. Also da kann man das auch zeigen, dass es tatsächlich jetzt, das kann ich nicht in meiner Studie zeigen, aber dazu gibt es andere wissenschaftliche Studien, die dieses Cascading zeigen, dass tatsächlich, du reichst das bei einem Top Journal ein und da wird es vielleicht abgelehnt und dann versuchst du es halt bei einem Journal mit einer Klassifizierung da drunter und reichst das dann immer, bis es dann irgendwann angenommen ist und dann tatsächlich auch zertifiziert wird. Und da kann ich, das kann man jetzt nicht auf einzelner Artikel Basis, jetzt kann ich das jetzt nicht nachweisen, aber dass tatsächlich Journals die mehr so indem D, E – es gibt ja so eine Journal Klassifizierung mit A Plus und bis runter bis F – dass tatsächlich die Jorunals, die so ein bisschen so im mittleren Endbereich liegen, dass da mehr Artikel erscheinen, das kann ich auch für meine Daten finden.

[00:20:46] Doreen Siegfried:
Ah ja, okay. Weil das wäre nämlich jetzt sozusagen meine Anschlussfrage gewesen. Also wenn man sich mal so bei Web of Science oder anderen anguckt, wie das Publikationsaufkommen ist, also das wächst ja von Jahr zu Jahr mehr. Also die Kurve ist ja wirklich exponentiell, da kann man sich ja schon fragen, wo bleiben diese ganzen Zeit, also wo bleiben diese ganzen Artikel? Gibt es auf einmal viel mehr Zeitschriften oder werden die Zeitschriften umfangreicher oder oder sind das, ja wie sieht das eigentlich aus? Was was sind das für Publikationsformen?

[00:21:19] Kristin Biesenbender:
Also das kann man wirklich beobachten, dass es ein Größenwachstum gibt. Also das insgesamt tatsächlich die Zahl – da hast du vollkommen recht – die Zahl der Publikationen stark angestiegen ist. Und dazu gibt es ja auch eine breite Forschungs schon einen breiten Forschungsstand in der Wissenschaftssoziologie und in der Wissenschaftsforschung, weil das ein ganz bekanntes Phänomen ist. Und man fragt sich natürlich, wie das kommt. Und dann gibt es dieses berühmte „publish or perish“ – also du musst publizieren oder du gehst unter. Was Martina Franzen auch schon mal, eine Wissenschaftssoziologin, ausgeweitet hat zu „publish in top journals or perish“. Was für die Wirtschaftswissenschaften auf jeden Fall auch gültig ist. Und man hat eben festgestellt, dass das großen Anreiz gibt, halt eben in diesen Top Journals zu veröffentlichen und dass das gerade für Nachwuchswissenschaftler ganz, ganz wichtig ist, wenn sie im Wissenschaftssystem bleiben wollen. Das ist ganz zentral. Was dann tatsächlich aber auch eben zu Entwicklungen geführt hat, die jetzt so aus der Sicht der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis bedenkenswert sind. Also man kennt dieses diese unter dem Begriff Salami-Taktik genanntes Veröffentlichungsverhalten. Das heißt, du versuchst deine Erkenntnisse, deine wissenschaftlichen Erkenntnisse in kleine Teile zu teilen. Du hast nicht einen Datensatz, sag ich jetzt mal so, und du wertest den insgesamt aus und hast eine wissenschaftliche Erkenntnis und machst eine Publikation draus, sondern du fragst dich gleich bei dem Datensatz, kann ich den eigentlich in fünf interessante Fragestellung unterlegen, ja unterteilen und dann eben entsprechend fünf Veröffentlichungen daraus machen? Also von daher ist eine interessante Frage jetzt auch für mich in den Interviews, dem nochmal genauer nachzugehen, wann wird eigentlich im ganzen Forschungsprozess die Publikation mitgedacht?

[00:23:11] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:23:12] Kristin Biesenbender:
Das finde ich einfach sehr, sehr überlegenswert. Also was steht am Anfang, das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse und man nähert sich dem, dass man das auch publizieren soll. Und ab wann, ja, macht man sich dazu eigentlich schon Gedanken und richtet sein ganzes Forschungsvorhaben auf die Publikation aus. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sich da vieles verändert hat in den letzten Jahren. Gerade wenn man daran denkt, dass man ja auch viel Drittmittelforschung auch beantragen muss. Da ist es ja oft auch schon so, dass man da von Anfang an auch schon die Forschungs- und Publikationswege detailliert mit aufführen muss. Das bedeutet also, „Wie publiziere ich und was?“ steht durchaus auch schon am Anfang eines Forschungsprojekts mit auf der Tagesordnung, das zu klären.

[00:23:59] Doreen Siegfried:
Ja, ja. Also ich kann mir super gut vorstellen, wenn ich mir mal so die Anreizsysteme anschaue. Und du hast ja auch gesagt, die Publikation ist am Ende des Tages die Währung, wenn ich überhaupt was werden will. Es gibt genug Konkurrenten im Wissenschaftssystem, die alle auf meine Professur wollen, also auf die, für die ich mich auch bewerben möchte. Meine These, und die liegt wahrscheinlich auch so ein bisschen auf der Straße, wäre natürlich zu sagen, „Klar, ich, das Ganze ist getrimmt auf Publikationsfähigkeit, weil ansonsten hab‘ ich ja nichts gewonnen.“ Oder hast du da andere Beobachtungen?

[00:24:34] Kristin Biesenbender:
Ja, man darf jetzt finde ich auch die intrinsische Motivation, etwas herauszufinden und sich für sein Wissenschaft Gegenstand zu unterschätzen, das darf man jetzt auch nicht kleinreden. Also, es ist ja tatsächlich so, dass Wissenschaftler:innen ja auch damit antreten, dass sie etwas herausfinden wollen und ein Interesse an dem haben, was sie tun. Und das ist natürlich ganz, das ist, das darf man nicht kleinreden. Das ist der, das ist ein großer Antrieb, warum ich wissenschaftlich tätig bin. Man muss halt bloß immer sehen – und das ist auch die sozialwissenschaftliche Perspektive, die man darauf einnehmen sollte – es gibt auch Rahmenbedingungen, es gibt ein Wissenschaftssystem, in dem Wissenschaftler:innen agieren und wo sie entsprechend ja auch bestimmten, ja diesen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind. Und das, da gibt es ja Veränderungen auch im Wissenschaftssystem, mit dem ja im Wissenschaftssystem, auch an den Universitäten, beispielsweise mit dem New Public Management oder so. Wo man tatsächlich dann ja auch die Wissenschaftler auch mehr, mehr kontrolliert und auch die Wissenschaftsfreiheit in dem Sinne einschränkt, dass man ja auch sagt, „Ja, ihr müsst jetzt auch nachweisen, dass ihr bestimmte Publikationen habt in bestimmten Journals. Und das ist für uns als Institution auch wichtig. Das wollen wir auch nach außen mit Zahlen belegen und ausweisen.“ Das ist natürlich auch ein anderer Druck, der auf Wissenschaftler:innen ausgeübt wird. Und dann ist es vielleicht auch nicht immer nur die individuelle, persönliche Perspektive auf die Karriere, sondern eben auch das System, was ihnen vorgibt, wie man sich verhalten soll

[00:26:07] Doreen Siegfried:
Ja klar.

[00:26:07] Kristin Biesenbender:
Oder auch, wenn man Gelder kürzt und Drittmittel beantragen muss oder so. Das sind natürlich auch schon andere Bedingungen für Forschung und denen muss man sich dann eben stellen. Von daher ist so eine ganzheitliche Sicht auf den den individuellen Wissenschaftler mit seinen Anreizen und seinen individuellen Einstellungen zu seiner Forschung interessant und das Ganze aber eben auch im Kontext des Wissenschaftssystems insgesamt zu sehen. Und für mich dann eben die speziellere Perspektive auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem. Welche Rolle spielt das dann eben für die Publikationen und das Publikationsverhalten von Wissenschaftler:innen?

[00:26:42] Doreen Siegfried:
Ja, da hast du recht. Das ist sicherlich eine Gemengelage. Es gibt ja, wenn man sagt okay, wofür interessiere ich mich denn persönlich, gibt’s ja nicht nur ein Thema und dann, wenn mir zehn Themen vorliegen, suche ich mir das aus, was am publikationsfähigsten ist, was mich aber trotzdem interessiert. Weil wir ja gerade auch schon sprachen über Publikationswachstum und so weiter: Welche Beobachtungen hast du denn hinsichtlich Größenwachstum eigentlich gemacht? Hast du das überhaupt untersucht?

[00:27:13] Kristin Biesenbender:
Ja, das hab ich, hab ich durchaus, genau. Man kann sehen, dass insgesamt tatsächlich die Zahl der Publikationen insgesamt stark ansteigt. Aber die These, die ich am Anfang hatte, dass es da große Unterschiede gibt und ein großes, sagte ich ja vorhin schon, dass es da eine große Entwicklung hin gäbe, dass Zeitschriftenartikel mehr in den Fokus rücken, das konnte ich nicht nachweisen …

[00:27:33] Doreen Siegfried:
Okay.

[00:27:33] Kristin Biesenbender:
sondern, wie gesagt, insgesamt publizieren wird mehr publiziert, aber im klassischen Verhältnis eigentlich von Working Papern zu Zeitschriftenaufsätzen.

[00:27:45] Doreen Siegfried:
Was mich noch interessieren würde, weil, unser Podcast heißt ja „The Future is Open Science”, welche Rolle spielen eigentlich Open Access-Journals jetzt in deiner Untersuchung, in deinem Datensatz?

[00:28:00] Kristin Biesenbender:
Ich kann grundsätzlich feststellen, dass es tatsächlich mehr Veröffentlichungen gibt, auf die es einen freien Zugriff gibt.

[00:28:06] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:28:06] Kristin Biesenbender:
Da gibt es tatsächlich jetzt auch nochmal für meine verschiedenen Stichproben-Schichten, also für die Promovierenden am Anfang und die Professoren am Anfang und am Ende ihrer Karriere nochmal ein bisschen Unterschiede. Aber tatsächlich ist es so, dass spätestens so ich glaube so 2009 oder so gibt es so einen Shift. Da übersteigt dann die Zahl der frei verfügbaren Publikationen erstmals die der nicht frei verfügbaren Publikationen.

[00:28:32] Doreen Siegfried:
Ah ja, okay.

[00:28:32] Kristin Biesenbender:
Also da kann man, kann man schon sehen, dass das am Anfang mehr ein closed market war und der sich tatsächlich dann eben entsprechend, gibt es dann einen Shift, der sich verändert. Aber ansonsten kann ich das jetzt, also es gibt ja tatsächlich in den Wirtschaftswissenschaften noch gar nicht sehr viele Journals, die tatsächlich klassische Open Access Journals sind. Ich könnte mir die Paar jetzt auch nochmal konkret raussuchen, aber ich glaube, das würde für meine Untersuchung jetzt gar nicht so einen großen Unterschied machen. Aber man kann tatsächlich feststellen, der Trend ist eindeutig hin zu frei verfügbaren Publikationen und auch zu Publikationen ohne Verlag. Also das geht auch so Hand in Hand. Also es ist tatsächlich so, die Zahl der Publikationen, die ohne Verlag erscheint, ist mittlerweile viel höher als bei den Publikationen, die mit Verlag erscheinen. Und da kann man tatsächlich auch sehen, dass bei den Professoren, naheliegenderweise wahrscheinlich, die am Ende ihrer Karriere sind, dass die tatsächlich noch eher in Verlagen publizieren. Je jünger die Wissenschaftler:innen sind, desto eher sind das Publikationen, die außerhalb von Verlagen erscheinen mittlerweile.

[00:29:43] Doreen Siegfried:
Ja, okay.

[00:29:43] Kristin Biesenbender:
Fand ich ganz interessant. Aber wie gesagt, da ist wieder so der Blick da drauf, woran liegt denn das eigentlich? Warum ist denn das so? Und dann kommt man eigentlich nicht dazu bei den Ökonom:innen in Deutschland, bei den VWLer:innen, da würde man jetzt nicht sagen, „Ja, die verhalten sich anders“, sondern das muss man wahrscheinlich – das werden genauere Untersuchungen dann auch noch zeigen –  muss man wahrscheinlich aber mehr in die Sphäre der Rahmenbedingung sagen setzen. Also, es gibt mehr Repositories, es gibt mehr Möglichkeiten, frei verfügbare Dokumente abzulegen. Das heißt, da gibt es Entwicklungen im Wissenschaftssystem, die ja auch durch die Infrastruktureinrichtungen, wie die, wie unsere ZBW – Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, getrieben sind. Weil da gibt es einfach große Initiativen, die da Möglichkeiten schaffen, um Forschung frei zugänglich zu machen, die von den Wissenschaftlern jetzt per se jetzt nicht eine Entscheidung sind, “ich möchte, dass meine Veröffentlichungen frei verfügbar sind. Das ist für mich ganz zentral. Ich möchte, dass meine Veröffentlichungen Open Access sind. Deswegen entscheide ich mich, aktiv in einem Open Access Journal zu veröffentlichen.” Und das werde ich wahrscheinlich in den Interviews diese Aussage so nicht finden, sondern das ist einfach, das Wissenschaftssystem verändert sich dahingehend. Das finde ich auch in meinen Daten. Aber ich glaube nicht, dass das bei den Wirtschaftswissenschaftlern eine aktive Entscheidung ist.

[00:31:08] Doreen Siegfried:
Ja okay. Sondern das sind einfach so, so Randbedingungen. Ja okay, vielleicht nochmal, weil du gesagt hattest, Digitalisierung spielt eine große Rolle auch für das, für das, für die Veränderungen im Publikationsverhalten. Es gibt mehr Co-Autoren, -Autorinnen. Gibt’s denn auch ein Hinweis auf eine wachsende Internationalisierung? Also sei es bei der Wahl der Co-Autoren, Co- Autorinnen oder auch bei der Wahl der, ja, der Kollaboration oder auch der Journals?

[00:31:42] Kristin Biesenbender:
Also ich kann das auf Ebene der Journals untersuchen. Also da kann ich feststellen, dass tatsächlich viele englischsprachige Zeitschriften mittlerweile dazwischen sind. Man kann das aber auch auf Basis der Sprache einfach untersuchen. Also ich habe tatsächlich erhoben, wie viele Publikationen davon in englischer Sprache erscheinen und wie viele in deutscher Sprache erscheinen. Andere Sprachen sind wirklich vernachlässigbar. Also es ist Deutsch und Englisch, was bei den Volkswirten in Deutschland eine Rolle spielt.

[00:32:07] Doreen Siegfried:
Und sag mal eine Zahl, wieviel ist das?

[00:32:11] Kristin Biesenbender:
Das müsste ich jetzt gucken. Aber ich glaube, sagen wir mal, heute sind es glaub ich so 60/40, 60 bis 70 Prozent erscheinen in englischer Sprache mittlerweile und ein verschwindend geringerer Teil noch auf Deutsch. Und auch da kann man ähnlich wie bei Open Access sehen, dass es irgendwann so einen Switch gegeben hat. Also, dass die lange Zeit noch Deutsch vor die vorherrschende Sprache war und sich das dann zu Englisch verändert hat. Irgendwann um die 2010er Jahre herum. Was interessant ist, wenn man sich die verschiedenen Gruppen anschaut, ist, dass die Professoren am Karriereanfang, also das müssen ja sozusagen diejenigen sein, die von Anfang an wussten, dass sie in der Wissenschaft bleiben wollen und noch Professor:in werden wollen – ich beobachte die ja über einen längeren Zeitraum – bei denen liegt der Anteil englischsprachiger Publikationen konsequent bei 80 Prozent.

[00:33:01] Doreen Siegfried:
Ja.

[00:33:01] Kristin Biesenbender:
Also die publizieren von Anfang an in englischer Sprache unverändert. Das ist für sie die Wissenschaftssprache, von der sie wissen, wenn sie internationale Reputation erlangen wollen, in den Top Journals publizieren wollen, dann müssen Sie in englischer Sprache publizieren. Und das tun die konsequent.

[00:33:20] Doreen Siegfried:
Das heißt, auch die Preprints, Working Paper erscheinen schon bereits in englischer Sprache?

[00:33:24] Kristin Biesenbender:
Ganz, ganz genau. Also das sind dann tatsächlich alles englischsprachige Publikationen.

[00:33:30] Doreen Siegfried:
Okay, alles klar. Wir nähern uns langsam dem Ende. Vielleicht für unsere Hörerinnen und Hörer noch die Frage an dich, die du dich ja jetzt wirklich mit dem Thema publizieren, Wissenschaftskommunikation gut auskennst, hast du hier noch so Tipps und Tricks, was man hier hingehend beachten könnte, sollte? Also was du den Hörer:innen, die aus der Wirtschaftsforschung kommen, ans Herz legen möchtest.

[00:33:58] Kristin Biesenbender:
Ja, so auch aus meiner eigenen wissenschaftlichen Perspektive muss ich sagen, ich finde die Zusammenarbeit mit anderen immer sehr bereichernd. Und von daher würde ich sagen, es ist eigentlich eine Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Kommunikation und wissenschaftlichen Austausch, dass dieser  – das ist einfach ganz essentiell – dass der offen und anschlussfähig und nachhaltig ist. Und von daher würde ich sagen, das sind auch gleich, auch wenn es mehr wie ein Appell klingt: Publiziert offen, anschlussfähig, kritikfähig und nachhaltig. Das ist auch ein guter Tipp, finde ich, für die wissenschaftliche Praxis, dass, wenn man das berücksichtigt, ist ein guter Austausch zwischen Wissenschaftlern möglich. Man kann aufeinander aufbauen, man hat die Möglichkeit, Kritik und Feedback von seiner Peergroup zu bekommen. Und wenn es nachhaltig ist, kann das eben auch lange auffindbar sein. Und das, finde ich, ist eine große, ein großer Fortschritt, wenn das alle beherzigen. Aber das tun ja auch die meisten.

[00:34:53] Doreen Siegfried:
Ja, also wunderbar. Besser hätte es ja nicht selber sagen können. In diesem Sinne vielen Dank, Kristin. Vielen Dank da draußen. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen. Lassen Sie uns gern Feedback da, gerne auch offene Fragen. Wir gucken mal, was wir noch spannendes in die Shownotes packen können. Abonnieren Sie uns fleißig auf iTunes oder Spotify oder überall da, wo man Podcasts finden kann. Und ich freue mich aufs nächste Mal.

[00:35:18] Kristin Biesenbender:
Tschüss.