{"id":9,"date":"2020-10-21T12:10:05","date_gmt":"2020-10-21T10:10:05","guid":{"rendered":"09b4c04f-3de2-499e-9245-c685d4281d49"},"modified":"2026-01-15T11:02:23","modified_gmt":"2026-01-15T10:02:23","slug":"fos01-die-replikationsstudie","status":"publish","type":"podcast","link":"https:\/\/podcast.zbw.eu\/fos\/2020\/10\/21\/fos01-die-replikationsstudie\/","title":{"rendered":"FOS 01 Die Replikationsstudie"},"content":{"rendered":"\n    <div class=\"pwp4-wrapper intrinsic-ignore\" id=\"podlovewebplayer_b55c6eb97c98ac4c0dbff0e1c098a8caf7df9533\" data-episode=\"https:\/\/podcast.zbw.eu\/fos\/2020\/10\/21\/fos01-die-replikationsstudie\/?podlove_action=pwp4_config\"><audio controls=\"controls\" preload=\"none\">\n  <source src=\"https:\/\/podcast.zbw.eu\/fos\/podlove\/file\/1\/s\/webplayer\/c\/website\/fos_01.mp3\" type=\"audio\/mpeg\"\/>\n<\/audio><\/div>\n  \n  \n\n    \n\n\t<div class=\"podlove-contributors-cards\">\n\t\t\t<\/div>\n\n\t<style>\n\t\t.podlove-contributors-cards {\n\t\t\tmargin-bottom: 1rem;\n\t\t\tbackground: white;\n\t\t\toverflow: hidden;\n\t\t\tborder-radius: 0.375rem;\n\t\t\tbox-shadow: 0 1px 3px 0 rgba(0, 0, 0, 0.1), 0 1px 2px 0 rgba(0, 0, 0, 0.06);\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card {\n\t\t\tdisplay: flex;\n\t\t\talign-items: center;\n\t\t\tpadding: 1rem 1.5rem\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card-inner {\n\t\t\tdisplay: flex;\n\t\t\talign-items: center;\n\t\t\tflex: 1 1 0;\n\t\t\tmin-width: 0;\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card-avatar {\n\t\t\twidth: 50px;\n\t\t\theight: 50px;\n\t\t\tborder-radius: 0.25rem;\n\t\t\toverflow: hidden;\n\t\t\tflex-shrink: 0;\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card-person {\n\t\t\tflex: 1 1 0;\n\t\t\tmin-width: 0;\n\t\t\tpadding: 0 1rem;\n\t\t\tdisplay: grid;\n\t\t\tgrid-template-columns: repeat(2, minmax(0, 1fr));\n\t\t\tgap: 1rem;\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card-person-details {\n\t\t\tcolor: #999\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card-services {\n\t\t\tflex-wrap: wrap;\n\t\t\tdisplay: flex;\n\t\t\talign-items: center;\n\t\t\talign-content: center;\n\t\t\tjustify-content: flex-end;\n\t\t}\n\t\t.podlove-contributors-card-services-service {\n\t\t\tdisplay: inline-block;\n\t\t\tflex-shrink: 0;\n\t\t\tpadding-left: 0.5rem;\n\t\t\ttext-decoration: none;\n\t\t\tbox-shadow: none;\n\t\t}\n\t<\/style>\n\n\n\n\n\n\n<div class=\"zbw_shownotes\">\n\n\n\n<p>LINKS UND HINTERGR\u00dcNDE:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.iree.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">International Journal for Re-Views in Empirical Economics &#8211; IREE<\/a><br><br><a href=\"https:\/\/replicationnetwork.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">The Replication Network<\/a><br><br><a href=\"http:\/\/replication.uni-goettingen.de\/wiki\/index.php\/Main_Page\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Replication Wiki<\/a><br><br><a href=\"https:\/\/www.aeaweb.org\/rfe\/showCat.php?cat_id=9\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">RFE: Resources for Economists on the Internet<\/a><\/p>\n\n\n\n<\/div>\n\n\n\n<div data-wp-context=\"{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }\" data-wp-interactive=\"core\/accordion\" role=\"group\" class=\"wp-block-accordion is-layout-flow wp-block-accordion-is-layout-flow\">\n<div data-wp-class--is-open=\"state.isOpen\" data-wp-context=\"{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-1&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }\" data-wp-init=\"callbacks.initAccordionItems\" data-wp-on-window--hashchange=\"callbacks.hashChange\" class=\"wp-block-accordion-item is-layout-flow wp-block-accordion-item-is-layout-flow\">\n<h3 class=\"wp-block-accordion-heading has-small-font-size\"><button aria-expanded=\"false\" aria-controls=\"accordion-item-1-panel\" data-wp-bind--aria-expanded=\"state.isOpen\" data-wp-on--click=\"actions.toggle\" data-wp-on--keydown=\"actions.handleKeyDown\" id=\"accordion-item-1\" class=\"wp-block-accordion-heading__toggle\"><span class=\"wp-block-accordion-heading__toggle-title\">Episode 01 als Text<\/span><span class=\"wp-block-accordion-heading__toggle-icon\" aria-hidden=\"true\">+<\/span><\/button><\/h3>\n\n\n\n<div inert aria-labelledby=\"accordion-item-1\" data-wp-bind--inert=\"!state.isOpen\" id=\"accordion-item-1-panel\" role=\"region\" class=\"wp-block-accordion-panel is-layout-flow wp-block-accordion-panel-is-layout-flow\">\n<p>The Future is Open Science \u2013 Folge 1: Die Replikationsstudie<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Doreen Siegfried<br>Leitung Marketing und Public Relations, ZBW \u2013 Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Martina Grunow<br>Managing Editor des Online Journals IREE, ZBW \u2013 Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft<\/p>\n\n\n\n<p>[00:02] Doreen Siegfried:<br>Willkommen bei \u201eThe Future is Open Science\u201c \u2013 dem Podcast der ZBW. Hier verraten Ihnen interessante Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb, wie sie in ihrer t\u00e4glichen Arbeit Open Science voranbringen. Wir tauchen ein in die Tiefen der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter und verraten Ihnen handfeste Tipps und Tricks zu Open Science in der Praxis. Ich bin Doreen Siegfried und freue mich sehr, Host dieses Podcasts zu sein.<br>[00:32] Doreen Siegfried:<br>Willkommen zur ersten Folge unseres neuen Podcast \u201eThe Future is Open Science\u201c. Mein Name ist Doreen Siegfried und ich begr\u00fc\u00dfe in unserem kleinen Studio hier heute Dr. Martina Grunow. Martina Grunow ist hier bei uns in der ZBW Managing Editor des Online Journals IREE. IREE ist ein Replikationsjournal f\u00fcr empirische Wirtschaftsforschung. Und deshalb unterhalte ich mich heute mit ihr \u00fcber Sinn und Unsinn von Replikationsstudien.<br>[01:02] Doreen Siegfried:<br>Herzlich willkommen Martina.<br>[01:05] Martina Grunow:<br>Danke sch\u00f6n.<br>[01:07] Doreen Siegfried:<br>Martina, was sind \u00fcberhaupt Replikationsstudien? Kannst Du das mal erkl\u00e4ren?<br>[01:14] Martina Grunow:<br>Ganz grob gesagt, sind Replikationsstudien erst mal Wiederholungen von empirischen Studien. Das hei\u00dft, mit einer Replikationsstudie versucht man grunds\u00e4tzlich, das Ergebnis von einer Studie zu wiederholen, noch mal zu finden. Wenn man mit Daten arbeitet, da gibt es ja eine ganze Reihe von Stolpersteinen, die einfach Fehler in den Analysen bedeuten k\u00f6nnen oder dann eben verzerrte Ergebnisse bedeuten k\u00f6nnen. Selbst wenn man ganz sorgf\u00e4ltig mit Daten arbeitet, ist man gar nicht in der Lage, immer alle m\u00f6glichen Fehlerquellen auch zu umgehen. Das kann schon da anfangen, bei den Rohdaten, die man als Wissenschaftler geliefert bekommt, dass da schon Fehler drin sind, die man unter Umst\u00e4nden gar nicht erfassen kann. Dass die Stichprobe, die man sich anguckt, gar nicht repr\u00e4sentativ ist f\u00fcr die Gruppe, die man eigentlich analysieren m\u00f6chte oder die man betrachten m\u00f6chte, f\u00fcr die man Ergebnisse herausfinden m\u00f6chte. Dann kann in der eigentlichen Arbeit mit den Daten, also wenn man seine eigene Analyse macht, in dem man sie programmiert, in dem man die Ergebnisse interpretiert, k\u00f6nnen schlicht und einfach Fehler passieren.<br>[02:20] Martina Grunow:<br>Und Replikationsstudien sind daf\u00fcr gedacht, genau diesen Analyseprozess noch mal zu \u00fcberpr\u00fcfen und noch mal zu wiederholen. Und eben zu schauen, ob diese Ergebnisse, die in der Originalstudie gefunden worden sind, ein zweites Mal oder ein drittes oder viertes Mal auch so zu finden sind. Und je nach dem, was man genau betrachten m\u00f6chte, gibt es dann eben unterschiedliche Arten von Replikationen. Das f\u00e4ngt an, bei so einer relativ \u2013 man stellt es sich zumindest einfach vor \u2013 einer reinen Reproduktion. Da geht es darum, dass man mit exakt den gleichen Daten, die in der Originalstudie verwendet worden sind, dem sogenannten Analysedatensatz, und exakt der gleichen Programmierung f\u00fcr die Analyse versucht, wirklich die Ergebnisse zu duplizieren, also exakt die gleichen Ergebnisse noch mal wiederherzustellen. Und das kann \u00fcberraschend sein, wie oft das nicht funktioniert.<br>[03:08] Doreen Siegfried:<br>Ach so. Okay.<br>[03:09] Martina Grunow:<br>Und das kann eben genau daran liegen, an solchen Fehlern, die in der Analyse passieren, die eben einfach passieren, die in so einem wissenschaftlichen Prozess mal auftauchen. Das kann aber auch daran liegen, dass das nicht funktioniert, wenn die Programmierung zum Beispiel gar nicht zur Verf\u00fcgung steht oder der Original-Analysedatensatz nicht zur Verf\u00fcgung steht.<br>[03:25] Martina Grunow:<br>Dann gibt es aber auch noch so weitergefasste Replikationsstudien, die dann darauf abzielen, zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob Ergebnisse entweder robust oder verallgemeinerbar sind. Und robust bedeutet in dem Fall, dass wir \u00fcberpr\u00fcfen wollen, ob die Ergebnisse denn nur unter exakt diesen Umst\u00e4nden, unter denen die Ergebnisse in der Originalstudie zustande gekommen sind, auch so zu finden sind oder ob man da auch leichte Modifikationen, zum Beispiel in der Analysemethode, vornehmen kann und diese Ergebnisse dann qualitativ immer noch so zu finden sind.<br>[03:56] Doreen Siegfried:<br>Ah ja.<br>[03:57] Martina Grunow:<br>Und das andere Thema der Verallgemeinerbarkeit ist ein ganz Wichtiges. Wir betrachten ja in der Regel immer nur eine gewisse Stichprobe, zum Beispiel von Personen oder in der Industrie oder von L\u00e4ndern oder auch nur einen gewissen Zeitraum. Und mit der Verallgemeinerbarkeit wollen wir \u00fcberpr\u00fcfen, ob die Ergebnisse, die dann gefunden worden sind f\u00fcr diese genaue Stichprobe, vielleicht auch auf eine gr\u00f6\u00dfere vergleichbare Gruppe \u00fcbertragbar sind. Und da geht es dann ganz stark um die Frage, k\u00f6nnen wir denn diese Ergebnisse noch weiter transportieren und k\u00f6nnen wir die Erkenntnisse, die wir gewinnen, auf andere Gruppen auch \u00fcbertragen? Und dann geht es schon in relativ starke Richtung von einer evidenzbasierten Politikberatung zum Beispiel, zumindest in den Wirtschaftswissenschaften.<br>[04:34] Doreen Siegfried:<br>Okay. Und das hei\u00dft, wenn ich dann sozusagen die Stichprobe vergr\u00f6\u00dfere und mal angenommen, ich habe jetzt irgendwie B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in deutschen Haushalten befragt und jetzt interessiert mich aber wie ist das in Europa und ich w\u00fcrde diesen Datensatz sozusagen versuchen zu erweitern, das ist dann aber schon keine richtige Replikationsstudie mehr?<br>[04:57] Martina Grunow:<br>Doch. Das k\u00f6nnte man auch noch unter eine Replikationsstudie fassen, solange du die Methodik exakt so l\u00e4sst, wie es in der Originalstudie oder in der Studie f\u00fcr Deutschland durchgef\u00fchrt worden ist. Also wir ver\u00e4ndern in einer Replikationsstudie im Prinzip immer nur an einer Stelle, entweder die Datengrundlage oder die Methodik, damit wir dann auch wissen, wo Ver\u00e4nderungen zu verorten sind, wenn sie in den Ergebnissen vorkommen. Aber so was k\u00f6nnte zum Beispiel ein Thema f\u00fcr eine Replikationsstudie sein, dass wir eine Politikma\u00dfnahme f\u00fcr Deutschland evaluiert haben und uns fragen, ob das auch im europ\u00e4ischen Kontext, zum Beispiel auf EU-Ebene, genauso funktionieren w\u00fcrde.<br>[05:30] Doreen Siegfried:<br>Ja. Okay. Alles klar. Also Wiederholungsstudien, mehr oder weniger, wie wir gerade gelernt haben. Du bist ja jetzt zust\u00e4ndig f\u00fcr das Online Journal IREE. Das ist ein Replikationsjournal. Was genau ist jetzt ein Replikationsjournal?<br>[05:52] Martina Grunow:<br>Ein Replikationsjournal ist erst mal eine Fachzeitschrift f\u00fcr Replikationsstudien. Das hei\u00dft, Wissenschaftler, die Replikationen durchgef\u00fchrt haben, brauchen irgendwo eine M\u00f6glichkeit, diese Replikationsstudien auch zu ver\u00f6ffentlichen, sonst erblicken sie irgendwie nicht das Licht der Welt und werden nicht wahrgenommen. Und ein Replikationsjournal ist genau der Ort, wo Wissenschaftler Replikationsstudien ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen.<br>[06:14] Doreen Siegfried:<br>Ja. Okay. Alles klar. Und gibt\u2019s da viele von in den Wirtschaftswissenschaften?<br>[06:20] Martina Grunow:<br>In den Wirtschaftswissenschaften kann ich ziemlich exakt sagen: nein, da gibt es nicht viele von. Da gibt es genau eins und das ist unser Journal, das International Journal for Reviews in Empirical Economics \u2013 IREE.<br>[06:31] Doreen Siegfried:<br>Ja. Okay. Aber das hei\u00dft, in anderen F\u00e4chern gibt\u2018s so was schon. Oder ist das so eine Nische, so was ganz Besonderes?<br>[06:40] Martina Grunow:<br>Also auch in anderen F\u00e4chern ist das eher was Besonderes, diese Journals, die explizit f\u00fcr Replikationsstudien zust\u00e4ndig sind. In Wirtschaftswissenschaften ist das da \u00e4hnlich wie in der Psychologie oder auch in der Medizin, dass es durchaus Journals gibt oder Fachzeitschriften gibt, die grunds\u00e4tzlich sagen, dass sie auch Replikationsstudien ver\u00f6ffentlichen w\u00fcrden oder man sie zumindest dort mal einreichen kann, dass sie das nicht ausschlie\u00dfen. Diese Fachzeitschriften publizieren aber sehr, sehr wenige Replikationsstudien nur insgesamt und es macht nur einen Bruchteil ihrer Publikationen aus. Und damit sind diese Replikationsjournals, die sagen, dass sie haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Publikation von Replikationsstudien da sind und auch gar nicht viel anderes publizieren m\u00f6chten, au\u00dfer Replikationsstudien, dann doch sehr speziell. Und dann gibt es eben davon auch nicht viele.<br>[07:33] Doreen Siegfried:<br>Ja, verstehe ich. Du hast jetzt gesagt, f\u00fcr die Wirtschaftswissen-schaften ist IREE jetzt das einzige, weltweit, nehme ich an.<br>[07:44] Martina Grunow:<br>Genau.<br>[07:46] Doreen Siegfried:<br>Wie unterscheidet sich jetzt IREE von anderen Replikationsjournals, sagen wir mal in der Psychologie oder in der Medizin. Oder sind die alle \u00e4hnlich gestrickt?<br>[08:03] Martina Grunow:<br>Ich glaube, die Frage kann ich besser beantworten, wenn wir uns fragen, wie sich IREE von anderen Fachzeitschriften der Wirtschaftswissenschaften unterscheidet. Zwischen den F\u00e4chern, sagen wir Medizin, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften, gibt es im Publikationsmarkt keine gro\u00dfen \u00dcberschneidungen. Ich vermute, dass die Replikationsjournals zwischen den F\u00e4chern relativ \u00e4hnlich laufen, aber dann jeweils doch sehr fachspezifisch, weil sowohl die Art der Arbeit mit Daten, als auch die Publikationswege sind einfach sehr, sehr fachspezifisch. Und deswegen gibt es da eben so wenige \u00dcberschneidungen. Wenn wir uns aber fragen, wie sich IREE von anderen Fachzeitschriften in den Wirtschaftswissenschaften unterscheidet, dann ist das einerseits der gro\u00dfe Punkt, den ich gerade gesagt hatte, dass wir grunds\u00e4tzlich Replikationsstudien ver\u00f6ffentlichen und auch nichts anderes ver\u00f6ffentlichen. Und dann ist sicherlich ein gro\u00dfer Unterschied die Auswahl der Replikationsstudien, die wir ver\u00f6ffentlichen. W\u00e4hrend die Fachzeitschriften die sagen, ja irgendwie ver\u00f6ffentlichen wir schon auch ab und an mal eine Replikationsstudie \u2026<br>[09:12] Doreen Siegfried:<br>Nehmen wir so mit, ja.<br>[09:13] Martina Grunow:<br>Genau. Die replizieren in der Regel solche F\u00e4lle, wo irgendwo auf eine mehr oder weniger spektakul\u00e4re Weise eine Originalstudie, die vielleicht schon viel Beachtung gefunden hatte, widerlegt wird und Fehler irgendwie aufgezeigt werden. Das f\u00fchrt aber dazu, dass wir sogenannten Publication Bias haben in diesem Bereich. Also, das hei\u00dft, dass Replikationsstudien, die negativen Ausgang haben, so nennen wir das hier, also eine vorherige Studie widerlegen oder Fehler in dieser Studie aufzeigen, eine deutlich h\u00f6here Chance haben, publiziert zu werden, bei der sowieso sehr geringen Chance, dass sie publiziert werden k\u00f6nnen. Und vor allem aber diese Replikationsstudien die Ergebnisse unterst\u00fctzen, die zum Beispiel sagen, ja, wir haben hier Ergebnisse aus einer Originalstudie, die k\u00f6nnen wir irgendwie reproduzieren, die sind verallgemeinerbar, die sind robust. Dass solche Replikationsstudien bisher \u00fcberhaupt gar keine Chance hatten, publiziert zu werden. Weil da allgemein angenommen wird, na ja, der Erkenntnisgewinn, der ist irgendwie nicht riesig. Oder ist kaum vorhanden und irgendwie zeigt es ja nur, was irgendwie schon mal gemacht worden ist. Und das ist aber ein ganz gro\u00dfes Problem, weil wir dann in der ganzen Masse der publizierten empirischen Studien jedes Jahr gar nicht wissen, welche von diesen Studien sind denn jetzt eigentlich robust, verallgemeinerbar oder \u00fcberhaupt replizierbar. Und IREE unterscheidet sich eben in der Frage der Publikation der Replikationen besonders stark von den anderen Journals, dass wir sagen, wir publizieren Replikationsstudien ganz unabh\u00e4ngig von ihrem Ergebnis. Und in der Tat ist der Ausgang der Replikationsstudie, ob das jetzt positiv war oder negativ, ob Ergebnisse best\u00e4tigt oder unterst\u00fctzt werden k\u00f6nnen, oder eben widerlegt werden, ist bei uns v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Entscheidung, ob wir diese Studie publizieren oder nicht. Weil wir sagen, dass positive Replikationsstudien vom Erkenntnisgewinn her genauso wichtig sind, wie die mit dem negativen Ausgang.<br>[11:05] Doreen Siegfried:<br>Also, das hei\u00dft, wenn ich eine Studie ver\u00f6ffentlicht habe und jemand anderes ein Jahr sp\u00e4ter oder zu einem Zeitpunkt X diese Studie wiederholt und feststellt, super robust, dann kann ich mir auf die Schulter klopfen und sagen, \u201ewell done\u201c.<br>[11:19] Martina Grunow:<br>Genau. Das k\u00f6nnen dann beide sagen. Das kannst Du dann sagen, mit Deiner Originalstudie und das kann dann aber auch der Replikator sagen. Und genau genommen kann das dann auch der Rest der wissenschaftlichen Community und auch der Politik sagen, weil wir dann wissen, wir haben hier Ergebnisse, mit denen k\u00f6nnen wir weiterarbeiten und auf denen k\u00f6nnen wir entweder weitere Forschung aufbauen oder eben auch politische Entscheidungsprozesse und diese Ergebnisse f\u00fcr die Gesellschaft verwenden.<br>[11:42] Doreen Siegfried:<br>IREE l\u00e4uft jetzt seit ungef\u00e4hr zwei Jahren und Ihr habt Einreichungen aus aller Welt, kann man sagen. Gibt es etwas, was Dich in dieser Zeit \u00fcberrascht hat, was die Einreichungen betrifft?<br>[11:57] Martina Grunow:<br>Ja. Gibt es. Als wir mit IREE angefangen haben und ich in das Projekt mit eingestiegen bin, muss ich zugeben, hatte ich auch so ein bisschen das Bild von Replikation: ja, das ist wichtig, das war mir klar. Und das brauchen wir auch und das fehlt. Ich hatte aber auch so ein bisschen die Vorstellung: gut, was macht man da, man wiederholt irgendwie was, was schon da ist. So ein bisschen dieser angestaubte Ruf, den so Replikationen auch haben. Mit den Einreichungen, die wir bekommen haben, und das tats\u00e4chlich mit jeder weiteren Einreichung die wir bekommen haben, wurde mein Erstaunen immer gr\u00f6\u00dfer dar\u00fcber, mit wieviel Kreativit\u00e4t unsere Autoren Replikationen machen und auslegen. Und nicht nur die Kreativit\u00e4t, sondern auch wirklich die Qualit\u00e4t der Replikationen. So dass mein ein bisschen angestaubtes Bild von Replikationen tats\u00e4chlich dem Bild gewichen ist, dass das ein unheimlich spannendes Feld ist, was auch \u00fcberhaupt nicht einfach ist. Also Replikation ist alles andere, als dass man irgendwie einfach abkupfert, was jemand anders sich in einem h\u00f6chst kreativen und komplizierten wissenschaftlichen Denkprozess schon \u00fcberlegt hat, sondern, dass Replikationsstudien selber genau so eine wissenschaftliche Leistung sind. Und sich Autoren tats\u00e4chlich die M\u00fche machen, nicht den Credit daf\u00fcr zu bekommen, irgendwie ganz gro\u00dfe neue wichtige Ergebnisse gefunden zu haben, aber andere Ergebnisse unter Umst\u00e4nden unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Und das mit teilweise wirklich sehr viel Aufwand.<br>[13:30] Doreen Siegfried:<br>Und sag mal, wenn Du jetzt sagst, Du bist \u00fcberrascht, wie viel Kreativit\u00e4t da drin steckt \u2026 Also, wie muss ich mir das vorstellen? Ich habe einen Datensatz, der ist im Idealfall zug\u00e4nglich, und ich sehe, welche Methoden verwendet werden. Also, das hei\u00dft, da kann ich auch nicht irgendwie mir eine andere Methode \u00fcberlegen. Wo kommt da die Kreativit\u00e4t zum Ausdruck?<br>[13:51] Martina Grunow:<br>Doch, genau eine Art der Replikation ist ja, dass man, wenn man die Daten exakt so beibeh\u00e4lt, dass man eben doch zum Beispiel an der Methodik was ver\u00e4ndert. Das ist genau die Frage nach der Robustheit. Oder aber eben die andere Variante, wenn es um Verallgemeinerbarkeit geht, dass man die Methodik beibeh\u00e4lt, aber eben die Daten ver\u00e4ndert. Und tats\u00e4chlich, diese Detail\u00fcberlegung, ausgehend davon, dass jemand, der schon gut begr\u00fcndet, wie er es gemacht hat in der Originalstudie, und das ja auch schon publiziert worden ist, also das auch schon durch mehrere Begutachtungsstufen durchgegangen ist, ausgehend davon trotzdem noch mal zu \u00fcberlegen, wie k\u00f6nnte man das anders machen? Wo liegt eigentlich die Problematik und warum sollte man das auch anders machen? Also auch in den Replikationsstudien muss nat\u00fcrlich gut begr\u00fcndet sein, warum man irgendwas ver\u00e4ndert und wie man das Ganze ver\u00e4ndert.<br>[14:41] Doreen Siegfried:<br>Ja, okay. Das verstehe ich. Alles klar. Man liest ja schon seit vielen Jahren auch immer von der sogenannten Replikationskrise. Was ist jetzt eine Replikationskrise? Also, wir haben ja jetzt schon gesagt, was ist ein Replikationsjournal, was ist eine Replikation. Aber was ist jetzt genau eine Replikationskrise?<br>[15:02] Martina Grunow:<br>Die Replikationskrise, wenn man das in einem Satz sagen m\u00f6chte, w\u00e4re ein Mangel an Replikationen. Ich hatte ja schon gesagt, dass Replikationen als wichtiges wissenschaftliches Instrument uns dabei helfen, zwischen den ganzen empirischen Ergebnissen, die wir so haben, diesen Originalergebnissen, zu filtern: Welche Ergebnisse sind robust und verallgemeinerbar? Welche Ergebnisse sind \u00fcberhaupt duplizierbar und wiederholbar? Und dass wir Replikationen daf\u00fcr brauchen, um eben unterscheiden zu k\u00f6nnen, welche Ergebnisse k\u00f6nnen wir weiterverwenden, auf welchen wollen wir irgendwie aufbauen? Welche wollen wir f\u00fcr die Politik verwenden und welche Ergebnisse sagen wir, f\u00fchren erst mal zu einem Widerspruch, wenn die ganze Analyse noch mal gemacht wird? Und das Ganze wissen wir aber erst, wenn wir tats\u00e4chlich Replikationen durchf\u00fchren. Und deswegen w\u00fcrde ich Replikationskrise als Mangel an Replikationen bezeichnen, weil uns tats\u00e4chlich die Masse der Replikationen fehlt, damit wir die als Wegweiser verwenden k\u00f6nnen. Wir haben auf der einen Seite \u2013 und daraus setzt sich die Replikationskrise zusammen \u2013 wir haben zwei Elemente eigentlich. In den Wirtschaftswissenschaften wurden auch schon eine ganze Reihe von Studien inzwischen durchgef\u00fchrt, in denen mal systematisch eine gro\u00dfe Anzahl von Originalstudien versucht wurde zu reproduzieren. Also nicht zu replizieren, nicht irgendwie auf die Verallgemeinerbarkeit oder Robustheit zu gucken, sondern wirklich die reine Reproduktion. Wir wollen dieses Ergebnis exakt noch mal herstellen. Und eine der j\u00fcngeren Studien aus dem Jahr 2015 hat da eine Quote von 50% gefunden. Also, dass nur 50% der empirischen Ergebnisse in den Wirtschaftswissenschaften \u00fcberhaupt reproduzierbar sind. Und das kommt ungef\u00e4hr so einem M\u00fcnzwurf gleich. Also wenn ich willk\u00fcrlich ein Papier aus der Masse der Publikationen ziehe, der empirischen Publikationen, dann kann ich erst mal eine M\u00fcnze werfen, um die Wahrscheinlichkeit zu wissen, ob dieses Papier replizierbar ist oder nicht. Und das ist nat\u00fcrlich eine Quote, die nicht besonders hoch ist.<br>[16:55] Doreen Siegfried:<br>Ja, das ist erschreckend.<br>[16:56] Martina Grunow:<br>Ja. Und auf der anderen Seite haben wir eben keine Replikationsstudien, die uns dann sagen, welche dieser Studien mit so einer 50\/50-Chance sind denn jetzt eigentlich replizierbar oder nicht. Und wenn man diese beiden Elemente zusammensetzt, dann ist das meinem Verst\u00e4ndnis nach, das, was man als Replikationskrise bezeichnen kann. Dass wir wirklich einfach nicht wissen, welche dieser vielen, vielen Papiere mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass Ergebnisse kein zweites Mal gefunden werden k\u00f6nnen, sind denn eigentlich f\u00fcr den weiteren wissenschaftlichen Verlauf zu gebrauchen.<br>[17:28] Doreen Siegfried:<br>Ja, du hattest ja jetzt auch schon zweimal gesagt, dass viele wirtschaftswissenschaftliche Forschungsergebnisse ja auch einflie\u00dfen in die Politikberatung. Gibt\u2019s da irgendwie von Seiten der Politik Bestrebungen, dass man sagt, okay, uns interessieren jetzt nur Studien, die wir dann beispielsweise f\u00fcr folgende Gesetzgebung oder \u00e4hnliches verwenden. Uns interessieren nur Studien, die mindestens einmal repliziert wurden. Oder was bedeutet diese Replikationskrise f\u00fcr die Wirtschaftsforschung und gerade auch f\u00fcr die Politikberatung, die ja von der Wirtschaftsforschung ausgeht?<br>[18:07] Martina Grunow:<br>Vielleicht ein bisschen polemisch w\u00fcrde ich sagen, dass das vor allem erst mal ein besonders oder nicht besonders hohes, aber dass es ein Risiko bedeutet. Eigentlich habe ich in den Wirtschaftswissenschaften das immer als eine Chance begriffen, dass wir uns mit Themen besch\u00e4ftigen, die eine gesellschaftliche Relevanz haben, indem sie also auch tats\u00e4chlich Ergebnisse aus der Forschung in die Politikberatung einflie\u00dfen. Zum Beispiel, ganz offensichtlich, in die Finanzpolitik eines Landes oder auch von der Europ\u00e4ischen Union oder in die Wirtschaftspolitik ganz konkret. Oder auch zum Beispiel die Gesundheitspolitik, da haben auch gesundheits\u00f6konomische Erkenntnisse Einfl\u00fcsse. Das kann man einerseits als Chance begreifen, dass man sich in einem Fach bewegt, indem es relevant ist. Wenn wir aber wissen, dass wir so einen hohen Anteil an Ergebnissen haben und an vermeintlichen Erkenntnissen haben, die weder reproduzierbar sind, geschweige denn verallgemeinerbar sind. Und diese Erkenntnisse aber verwendet werden, um politische Entscheidungen zu treffen, kann daraus tats\u00e4chlich ein gesellschaftliches Risiko erwachsen. Und das ist so, dass die Politik durchaus Wirtschaftswissenschaftler immer wieder in politische Entscheidungsprozesse einzieht. Sei es ganz direkt als Berater oder in Form von Gutachten, die zu bestimmten Themen auch in Auftrag gegeben werden. Und gleichzeitig wird auch von Seiten der Ministerien aus, werden aktuelle wirtschaftswissenschaftliche Publikationen auch gelesen und angeschaut und eben dann auch verwendet f\u00fcr politische Entscheidungen.<br>[19:37] Doreen Siegfried:<br>Und w\u00fcrdest du da sagen, die Wirtschaftsforschung hat da vielleicht auch nochmal eine gr\u00f6\u00dfere Verantwortung f\u00fcr die Gesellschaft. Also wenn ich mir vorstelle, in den Geisteswissenschaften gibt\u2019s ja auch empirische Arbeiten, nehmen wir mal Sprachwissenschaft. Ich untersuche gesprochene Sprache, ich untersuche meinetwegen Gespr\u00e4che, suche nach irgendwelchen Mustern, komme dann zum Ergebnis X. Das ist dann f\u00fcr den akademischen Diskurs wichtig und f\u00fcr die Grundsatzforschung. Aber letztlich folgt dem nichts nach, im Sinne von, das ist die Grundlage f\u00fcr irgendwelche Pl\u00e4ne, Gesetze, irgendwelche \u00c4nderungen, mit der dann die Bev\u00f6lkerung am Ende zu k\u00e4mpfen hat. Bei der Wirtschaftsforschung ist das ja schon nochmal irgendwie was Anderes. Also w\u00fcrdest du sagen, Wirtschaftsforschung hat da nochmal eine besondere Verantwortung, wenn es um sauberes empirisches Arbeiten geht?<br>[20:34] Martina Grunow:<br>Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass es eine besondere Verantwortung ist, weil ich glaube, dass ist egal, in welchen Fach man unterwegs ist, diejenigen, die empirisch arbeiten, eine besondere Verantwortung haben. N\u00e4mlich sorgf\u00e4ltig zu arbeiten, nach bestem Wissen und Gewissen. Wie gesagt, gewisse Sachen oder Fehler kann man auch einfach nicht ausschlie\u00dfen oder immer vermeiden. Das bezieht sich aber ganz grunds\u00e4tzlich auf die Arbeit mit Daten. Weil auch Erkenntnisse, auch in den Wirtschaftswissenschaften gibt es nat\u00fcrlich Studien, die durchgef\u00fchrt werden, die erstmal nicht einen ganz unmittelbaren Einfluss auf die Politik nehmen und damit auf die Gesellschaft nehmen. Die dann aber, zum Beispiel Grundlage einfach f\u00fcr weitere Forschung sind. Und ich glaube, dass immer dann an der Stelle, wenn ein Ergebnis das Bestreben hat, direkten Einfluss zu nehmen oder zum Beispiel Politikempfehlungen oder Handlungsempfehlungen auszusprechen, dass es dann umso wichtiger ist, nochmal zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob dieses Ergebnis denn wirklich den Kriterien der Reproduzierbarkeit, der Verallgemeinerbarkeit und der Robustheit auch entspricht. Ich glaube aber, wie gesagt, ganz grunds\u00e4tzlich, dass die Verantwortung bei jedem liegt, egal in welchem Fach, der mit Daten umgeht.<br>[21:43] Doreen Siegfried:<br>Okay. W\u00fcrdest du sagen, die Replikationskrise ist jetzt, ist etwas Deutsches?<br>[21:53] Martina Grunow:<br>Nein. Das zumindest, glaube ich, kann man relativ deutlich sagen, das ist kein lokales Problem. Genauso wie die Wissenschaft internationalisiert ist, also zumindest ganz klar f\u00fcr die Wirtschaftswissenschaften. Wir haben einen internationalen wissenschaftlichen Markt, die Wissenschaftler tauschen sich international aus, arbeiten in internationalen Teams, auch l\u00e4nder\u00fcbergreifend. Der Arbeitsmarkt f\u00fcr Wirtschaftswissenschaftler oder forschende Wirtschaftswissenschaftler ist international. Und damit ist das auch kein nationales oder lokales Problem mit der Replikationskrise. Und das kann ich wiederum ganz gut auch festmachen an den Einreichungen, die wir bei uns f\u00fcr unser Journal haben. Die kommen einfach aus aller Welt. Wir haben einen guten Anteil von Einreichungen, die aus den USA kommen, die kommen aus Australien, aus Kanada und aus dem ganzen europ\u00e4ischen Raum. Also ausschlie\u00dfen kann man zumindest, dass es nur ein nationales Problem ist und man sieht das auch, dass auf aller Welt Initiativen wachsen und auch zunehmend entstehen, die sich genau mit diesem Thema besch\u00e4ftigen und nach L\u00f6sungen suchen, um dieser Replikationskrise entgegen zu wirken.<br>[23:04] Doreen Siegfried:<br>Und gibt\u2019s da vielleicht in Deutschland, vielleicht eine besondere Sensibilit\u00e4t oder w\u00fcrdest du auch sagen, nee, da sind andere L\u00e4nder vielleicht irgendwie uns noch voraus. So ein bisschen auch die Konsequenzen ihres Tuns mal kritisch zu be\u00e4ugen.<br>[23:21] Martina Grunow:<br>Auch da ist mein Eindruck nicht, obwohl ich das auch nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass Deutschland Vorreiter ist in dieser ganzen Thematik. Sondern, dass das relativ stark, so wie viele auch aus den Wirtschaftswissenschaften an Themen durch die USA gepr\u00e4gt ist. Und das w\u00fcrde ich auch f\u00fcr die Replikationskrise oder die ganze Thematik der Replikation so sehen.<br>[23:44] Doreen Siegfried:<br>Ja. Okay. Du bist ja jetzt selbst auch ein, ich sag mal, Kind der akademischen Welt. Du hast als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Augsburg auf dem Gebiet der Gesundheits\u00f6konomie promoviert. Du gibst Vorlesungen an Universit\u00e4ten und bist ja jetzt auch aktiv im Kontext von Doktoranden-Workshops. Wie siehst du denn selbst diese akademische Welt, so aus der Binnensicht?<br>[24:10] Martina Grunow:<br>Je nachdem\u2026Ich w\u00fcrde unterschiedliche Teile dieser akademischen Welt unterscheiden wollen. Also wenn es rein um die Forschung geht, dann sehe ich das Ganze mit gro\u00dfer Begeisterung. Ich finde die Forschung selber, f\u00fcr mich ganz pers\u00f6nlich, ist das wie ein gro\u00dfer Abenteuerspielplatz, auf dem man sich austoben kann, mit Ideen, die man hat, mit Dingen, die man beobachtet. Dass man die systematisch betrachten kann, die Methodenauswahl daf\u00fcr oder die Suche nach der korrekten Methode oder in Entwicklung von Methoden. Die Suche nach Daten, das \u00dcberlegen, wie kann ich diese Daten gegeben meiner Fragestellung irgendwie korrekt analysieren, ist was, was vor allem unheimlich viel Spa\u00df macht, was kreativ ist und teilweise auch wirklich sehr, sehr spannend ist. Und genauso auch die Vermittlung von Wissen und auch Erkenntnissen, die man in der Forschung erlangt, dann in der Lehre an die Studenten, finde ich ist was, was einfach unheimlich viel Spa\u00df macht. Wenn man merkt, dass man die Begeisterung, die man irgendwie f\u00fcr dieses Fach hat und die man f\u00fcr die Methoden hat, auf die n\u00e4chsten \u00fcbertragen kann \u2013 auf die Studenten \u00fcbertragen kann \u2013 und somit auch f\u00fcr ihr eigenes Fach begeistern kann, ist schon was, was sehr, sehr zufriedenstellend ist. Diese reine Forschung ist nat\u00fcrlich aber eingebettet in die Rahmenbedingungen der Forschung und das ist vielleicht das, was dann so insgesamt diese akademische Welt ausmacht. Wir haben eine akademische Kultur, wir haben Rahmenbedingungen, die viel diskutierten Themen um Arbeitsbedingungen auch, gerade f\u00fcr Nachwuchswissenschaftler. Das ist dann was, was ich schon wieder mit nicht ganz so gro\u00dfer Begeisterung sehe, sondern auch eher zwiegespalten.<br>[25:44] Doreen Siegfried:<br>Ja und wo w\u00fcrdest du dann genau sagen ist noch Luft nach oben?<br>[25:49] Martina Grunow:<br>Sicherlich ist ein wichtiger Punkt, die gro\u00dfe Unsicherheit, die f\u00fcr Nachwuchswissenschaftler herrscht in ihren Rahmenbedingungen mit den befristeten Vertr\u00e4gen. Mit der Forderung, dass sie regional kaum gebunden sein k\u00f6nnen sondern, dass sie bereit sind, dann auch m\u00f6glichen Stellen hinterher zu reisen und hinterher zu ziehen und das eben auch nicht nur innerhalb des Landes, in dem sie sich bewegen, sondern, ich hatte es eben schon gesagt, der Arbeitsmarkt ist ein internationaler. Das ist ein Punkt, der zu viel Verunsicherung f\u00fchrt oder zu viel Unsicherheit f\u00fchrt, wo ich glaube, dass wir einerseits wichtige und gute K\u00f6pfe verlieren von Leuten, die sich diesen Rahmenbedingungen einfach nicht aussetzen wollen. Und andererseits wirkt sich das aber auch auf die Qualit\u00e4t der Forschung aus. Wenn jemand in seiner Forschung eigentlich nur darauf guckt, was er machen kann, damit seine Karriere gef\u00f6rdert wird und das unter sehr, sehr hohem Zeitdruck tut, dann kann es nicht zu guter Qualit\u00e4t in der Forschung f\u00fchren. Ich bin der festen \u00dcberzeugung, dass die Generierung von Wissen, dass das Verstehen von Sachen, einfach auch Zeit braucht und das Ganze nicht beliebig beschleunigbar ist. Und was wir aber haben und was ganz stark die Karrierewege in der Wissenschaft pr\u00e4gt, ist einfach die Anzahl der Publikationen. Das ist so ein bisschen die W\u00e4hrung, die wir haben, mit der man sich auf diesem Markt bewegt und je mehr Publikationen man hat, desto h\u00f6her ist die Chance, dass man irgendwann auch eine Professur hat, die einen dann genau diese Sicherheit bietet, die man vielleicht braucht, um auch Forschung zu betreiben, die nicht nur unter Zeitdruck stattfindet, sondern vielleicht auch Forschung, die nicht unmittelbar in spektakul\u00e4ren Publikationen endet, sondern die einfach Zeit braucht und auch ein bisschen an die Grundlagen geht. Und da sehe ich ein ganz gro\u00dfes Problem. Also dieser enorme Publikationsdruck, der f\u00fcr Nachwuchswissenschaftler herrscht und dass im Prinzip die Anzahl der Publikationen sicherlich nicht das einzige Kriterium, aber doch das allerallerwichtigste Kriterium sind, an denen es sich entscheidet, ob man in der Wissenschaft Fu\u00df fasst oder nicht.<br>[27:56] Doreen Siegfried:<br>Also w\u00fcrdest du sagen, diese doch sehr beschr\u00e4nkte Leistungsmessung oder besser gesagt, diese Fokussierung auf den Publikationsoutput ist durchaus ein Manko?<br>[28:09] Martina Grunow:<br>Ja. Ich glaube, dass die Replikationskrise vor allem eigentlich ein Problem dieser akademischen Kultur ist und dieser Fokussierung auf Publikationen. Weil Publikationen oder das, was als publikations- oder publizierf\u00e4hig gilt, ist nicht immer unbedingt die relevanteste und die beste Forschung, die stattfindet. Die Publikationsf\u00e4higkeit h\u00e4ngt auch an Modethemen, h\u00e4ngt an Ergebnissen, die irgendwie nachzulesen sind, ohne dass immer ausreichend nachgefragt wird, wie diese Ergebnisse denn eigentlich zustande gekommen sind. Es gibt so Kriterien, dass Ergebnisse in der Empirie h\u00e4ufig signifikant sein m\u00fcssen. Nicht signifikante Ergebnisse werden nicht ernst genommen, werden nicht wahrgenommen und sind damit nicht publikationsf\u00e4hig. Und ich glaube, dass wir mit dieser starken Fokussierung auf Publikationen uns eingehandelt haben, dass tats\u00e4chlich Forschungsfragen und Forschung danach ausgew\u00e4hlt wird, was kann ich eigentlich publizieren und dass damit Anreize gesetzt wurden, dass Ergebnisse gesucht werden oder auch unter Umst\u00e4nden erarbeitet werden, die publikationsf\u00e4hig sind, die aber im Zweifelsfall nicht replizierf\u00e4hig sind oder replizierbar sind. Also ich glaube, dass die Quote von ungef\u00e4hr 50% nicht replizierbarer Forschung auch ein Ergebnis genau von diesem Publikationsdruck ist und von der letzten Endes Generierung von Ergebnis. Oder eben auch davon, dass einfach zu wenig Zeit zur Verf\u00fcgung steht, um die Qualit\u00e4t der eigenen Forschung auch ausreichend zu \u00fcberpr\u00fcfen.<br>[29:52] Doreen Siegfried:<br>Ja, die Frage ist jetzt, die mich noch ein bisschen interessiert. Du bist ja selbst auch viel auf Tagungen unterwegs, national, international. Das, was du selbst geschildert hast, als Beobachtung, bist du da alleine unterwegs oder wie beobachtest du, anders gesagt, wie beobachtest du so die Stimmung in der Community? Sehen das andere \u00e4hnlich wie du, gibt\u2019s da vielleicht so einen revolution\u00e4ren Geist, der da irgendwie durch die Konferenzen str\u00f6mt oder sagen alle, ja oh Gott, so ist es halt und wir spielen mit, so sind die Regeln. Also, wie ist da so deine Beobachtung?<br>[30:32] Martina Grunow:<br>Ich glaub das kommt ganz stark darauf an, wo genau man hinguckt. Was ich durchaus beobachte unter den Nachwuchswissenschaftlern ist eine Unzufriedenheit mit genau diesem System. Also, dass auch eine Unzufriedenheit dar\u00fcber entsteht, wie die eigene Forschung eigentlich l\u00e4uft. Also es gibt, Gott sei Dank, noch ausreichend Nachwuchswissenschaftler, die tats\u00e4chlich ein Interesse daran haben, wichtige Forschung zu betreiben, die hohe Qualit\u00e4t hat und die eben nicht nur zum Titel f\u00fchrt. Aber genau diese Nachwuchswissenschaftler m\u00fcssen sich nat\u00fcrlich auch in einem gegebenen System bewegen. Auf der anderen Seite sehe ich die etablierten Forscher, die \u00c4lteren, die eigentlich genau diese Regeln machen, die diese Bewertungskriterien auch aufstellen und die letzten Endes auch die Nachwuchswissenschaftler, die jetzt auf h\u00f6here Positionen oder nach h\u00f6heren Positionen dann streben, auch bewerten. Auch unter den etablierten Forschern, wenn man mit ihnen spricht, erlebt man im Prinzip gar nicht, dass gesagt wird, nein, dieses ganze Thema Replikation und mit dem Publikationsdruck, das ist kein Problem. Ich glaube schon, dass das in der breiten Masse der Forscher inzwischen angekommen ist, dass wir da ein Problem haben und dass wir eben auch dieses Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem haben. Eben durch die geringere Replizierbarkeit der Ergebnisse, die publiziert werden. Wo sich die Wege dann wieder trennen, abgesehen davon, dass man feststellt, man hat irgendwie ein Problem, ist in der Vorstellung, wer dieses Problem denn eigentlich l\u00f6sen soll, wer die Verantwortung tr\u00e4gt, \u00c4nderungen zu schaffen. Die etablierten Forscher, so ist es zumindest meine pers\u00f6nliche Erfahrung aus den Gespr\u00e4chen und Diskussionen, die ich da gef\u00fchrt habe, geben das ganz gern an die Nachwuchswissenschaftler ab. Und sehen das ja auch, dass die Nachwuchswissenschaftler gerne was \u00e4ndern m\u00f6chten und dann wird auch gesagt, dann sollen sie das auch machen, das ist super.<br>[32:21] Doreen Siegfried:<br>Ja okay. Und die Nachwuchswissenschaftler sagen: sorry Leute. Ich muss hier erst kurz noch mal schnell den n\u00e4chsten Job angeln.<br>[32:28] Martina Grunow:<br>Genau. Die sitzen genau zwischen den St\u00fchlen. Also, sie haben einerseits diese Unzufriedenheit und erkennen das und m\u00f6chten auch wirklich gerne was anderes machen und es gibt auch gen\u00fcgend, die tats\u00e4chlich auch was anderes\u2026also das anders machen\u2026die, die Arbeit mit ihren Daten zum Beispiel offen legen. Die auch ihren wissenschaftlichen Prozess offen legen. Die haben aber genau das Problem, dass das gar nicht honoriert wird. Und letzten Endes, wenn sie weiterhin in dem wissenschaftlichen System bleiben wollen, m\u00fcssen sie sich an die jetzt aktuell geltenden Bewertungskriterien, n\u00e4mlich die Anzahl der Publikationen, halten.<br>[32:56] Doreen Siegfried:<br>Ja. Okay. Hast du einen Vorschlag, wie kann man da raus aus diesem\u2026aus diesem Murks? Was kann man konkret oder was w\u00e4re eine Idee?<br>[33:06] Martina Grunow:<br>Meine Idealvorstellung w\u00e4re, dass man diese Aufbruchstimmung, von der ich hoffe, dass man sozusagen diesen Unmut auch noch als solches wahrnehmen kann oder in sowas kanalisieren kann, ausnutzt. Ich glaube aber nicht, dass die Verantwortung tats\u00e4chlich auf den Schultern der Nachwuchswissenschaftler liegen kann. Weil sie sich eben genau in diesem Dilemma befinden. Dass sie ja unter Regeln arbeiten m\u00fcssen, die sie eigentlich \u00e4ndern wollen. Ich glaube, dass ein guter Ansatz w\u00e4re, dass diejenigen, die tats\u00e4chlich, f\u00fcr die es kein Risiko in ihrer Karriere mehr bedeutet, anfangen, auch diese Bewertungskriterien zu ver\u00e4ndern. Und das sind dann eben die Universit\u00e4ten, die zum Beispiel Berufungsverfahren ja auch gestalten, auch das ist was, was man an Unis inzwischen beobachten kann, vereinzelt. Dass es dort Bestrebungen gibt, zum Beispiel transparente Berufungsverfahren durchzuf\u00fchren. Da gibt es dann Beauftragte inzwischen daf\u00fcr, die eben auch einen Kriterienkatalog entwickeln, der \u00fcber die reine Publikationst\u00e4tigkeit hinausgeht. Auf der anderen Seite sehe ich auch die Drittmittelgeber, also die Forschungsf\u00f6rderer, in der Verantwortung. Das ist ein Kriterium, was auch immer wichtiger wird, auch in Berufungsverfahren, wie viele Drittmittel hat der Forscher schon eingeworben. Das ist nat\u00fcrlich ein hochattraktives Thema f\u00fcr Forschungseinrichtungen, wenn jemand in der Lage ist, auch Drittmittel einzuwerben, um dann eben die Forschung finanziell auch unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Ich glaube, wenn da zum Beispiel die Deutsche Forschungsgemeinschaft st\u00e4rkere Regeln setzt und vor allem auch durchsetzt, bisher sind das eher lose Empfehlungen auch zum Thema im Umgang mit Forschungsdaten und auch dem nachhaltigen Umgang mit Ergebnissen und auch die Replizierf\u00e4higkeit von Ergebnissen. Wenn aus diesen Empfehlungen st\u00e4rkere Regeln werden w\u00fcrden, die auch zu Konsequenzen f\u00fchren oder die konsequent umgesetzt werden, glaube ich, dass wir da eine gute Stelle h\u00e4tten, wo Anreize gesetzt werden k\u00f6nnen, um diese ganze Thematik auch in die Community einzubringen, weil dann alle gleich von diesen Regeln profitieren w\u00fcrden oder gleich unter diesen Regeln arbeiten m\u00fcssten und gleichzeitig k\u00f6nnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Wichtigkeit dieser Thematik dann auch transportieren. Indem sie es einfach wirklich an ihre Forschungsf\u00f6rderung bindet.<br>[35:19] Doreen Siegfried:<br>Okay. Wenn ich mir jetzt beispielsweise so die Professoren, Professorinnen angucke, die in Berufungskommissionen stecken, die sind ja auch gewissen Zw\u00e4ngen ausgesetzt. Ich sag nur Exzellenzinitiative und so weiter. Die Universit\u00e4ten untereinander werden ja auch verglichen. Also, das hei\u00dft, w\u00fcrdest du sagen, da muss man\u2026man muss da hingehen, wo tats\u00e4chlich die Macht sitzt? Also\u2026wie soll ich es anders formulieren? Also, es herrscht ja wahnsinniger Wettbewerbsdruck, ja nicht nur unter den Doktorandinnen und Doktoranden und unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern und unter den Profs, ja auch die Unis stehen ja alle miteinander im Wettbewerb und es z\u00e4hlt ja immer nur die Publikation und so weiter. W\u00fcrdest du sagen, generell m\u00fcssten auch die Unis mal mit diesem wahnsinns Wettbewerb aufh\u00f6ren untereinander? Oder zumindest \u2013 Wettbewerb kann ja auch was Gutes sein \u2013 \u2026Ich formuliere es mal anders: diesen Wettbewerb vielleicht etwas vielf\u00e4ltiger aufstellen?<br>[36:18] Martina Grunow:<br>Also ich glaube, dass der Ansatz, dass man ins Zentrum der Macht gehen muss, um Ver\u00e4nderungen durchzusetzen, schon der richtige ist. Weil in der Tat, also jeder, der sich in gewissen Rahmen bewegt und unter gewissen Bedingungen bewegt \u2013 selbst wenn sich einer revolution\u00e4r hinstellt und sagt, ich mach das Ganze nicht mehr mit \u2013 ist fraglich, ob derjenige dann die Ver\u00e4nderung herbeif\u00fchren kann, solange es andere Leute gibt, die sagen gut, wir machen\u2019s mit und dann eben vorbeiziehen.<br>[36:44] Doreen Siegfried:<br>Und du bist raus. Ja.<br>[36:45] Martina Grunow:<br>Genau<br>[36:45] Doreen Siegfried:<br>\u00c4tsche b\u00e4tsche.<br>[36:46] Martina Grunow:<br>Ja. Und das ist genau das gro\u00dfe Risiko, was eben Nachwuchswissenschaftler auch haben oder zumindest, wenn man es an den Nachwuchswissenschaftlern festmacht. Man kann es sicherlich auch auf die n\u00e4chsth\u00f6here Ebene bringen und sagen, die Universit\u00e4ten an sich haben auch dieses Problem und damit dann eben auch in Berufungsverfahren. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, ja dann muss man in das Zentrum der Macht, das dort die Ver\u00e4nderungen stattfinden. Andererseits sollte man dann auch darauf achten, dass dann diese Regeln, die kommen, auch konkret genug sind, damit es auch klar ist, was eigentlich umgesetzt werden soll. Und in welcher Form das auch umgesetzt werden soll. Und das ist vielleicht auch die Schwierigkeit schon auf der Ebene der DFG, dass das, was sie zu diesen ganzen Themen sagen oder zum Thema der Replikationskrise sagen, alles so einen Empfehlungscharakter hat. Weil die das zum Beispiel gar nicht spezifisch f\u00fcr einzelne F\u00e4cher machen. Sondern das ganz generell f\u00fcr die Wissenschaft gilt. Wenn man das auf so einer Ebene macht, dann bleibt es nat\u00fcrlich sehr allgemein. Das Ganze muss dann schon wieder runtergebrochen werden, dass man irgendwie in die einzelnen Institutionen kommt, dass man in die einzelnen F\u00e4cher kommt und da eben dann auch die fachspezifischen Gegebenheiten ber\u00fccksichtigt, damit das Ganze irgendwie umsetzbar ist.<br>[37:53] Doreen Siegfried:<br>Und, fachspezifisch, also meines Wissens, bitte korrigiere mich da, gibt\u2019s ja in den Wirtschaftswissenschaften haupts\u00e4chlich diese kumulative Promotion. K\u00f6nntest du dir vorstellen, dass man da an die Promotionsordnung nochmal rangeht und das \u00e4ndert?<br>[38:10] Martina Grunow:<br>Ja. Das ist sicherlich ein guter Punkt, wo man ganz konkret ansetzen kann. Zumindest, wenn es um kumulative Promotionen dann auch geht, also um Promotionen, in denen mehrere Projekte durchgef\u00fchrt werden. Eben nicht mehr ein Buch geschrieben wird, sondern mehrere einzelne Studien durchgef\u00fchrt werden, die sich dann insgesamt zur Promotion zusammensetzen. Das gibt inzwischen einzelne Universit\u00e4ten, die in der Promotionsordnung das schon verankert haben, dass ein oder das erste Projekt in der Promotion eine Replikationsstudie sein sollte.<br>[38:42] Doreen Siegfried;<br>Ah ja, okay.<br>[38:45] Martina Grunow:<br>Und das ist eine ganz tolle Idee. Das f\u00f6rdert einerseits nat\u00fcrlich die Anzahl der Replikationen, die wir haben und wirkt diesem Mangel an Replikationen entgegen. Andererseits ist das ein super Einstieg in die eigenst\u00e4ndige wissenschaftliche Arbeit. Was ich ganz am Anfang meinte, dass Replikationen alles andere sind, als irgendwie ein billiges Abkupfern von irgendwas, was jemand schon mal gemacht hat, setzt eine gute Replikation voraus, dass man sich intensiv mit der Originalstudie auseinandersetzt, intensiv mit der Methodik auseinandersetzt, die dort verwendet wurde und auch mit den Daten. Und anhand von diesem Prozess, also dass man sich so intensiv damit auseinandersetzen muss und das auch bis ins letzte Detail verstanden haben muss, was in der Originalstudie gemacht wurde, kann man unheimlich viel lernen. F\u00fcr die eigene Arbeit, f\u00fcr das eigene Verst\u00e4ndnis. Und man kann gleichzeitig auch lernen f\u00fcr die eigene wissenschaftliche Arbeit, die sich danach dann noch anschlie\u00dft, wie man die eigentlich gestalten muss, damit die replizierf\u00e4hig ist. Damit dann wiederum andere verstehen, was man eigentlich gemacht hat. Und das lernt man am besten auch \u00fcber den Prozess, dass man das mal durchmacht, dass man versucht, was Anderes zu replizieren. Und wei\u00df, woran es dann mangelt oder was da noch hilfreich war in der Replikation.<br>[39:55] Doreen Siegfried:<br>Ja. Wenn du jetzt sagst, das ist wahnsinnig wichtig, das ist ja im Prinzip wie so fr\u00fcher in der Schule im Kunstunterricht wo es hie\u00df, hier ist Rembrandt, einmal bitte abzeichnen. Wo man dann wirklich auch mal eine Stunde davorsitzt und gucken muss, okay, verdammt, wie hat er dieses Ohr gemalt. Also, das ist ja auch echt schwer. W\u00fcrdest du sagen, jetzt nochmal wieder zur\u00fcck zu den Wirtschaftswissenschaften, dass man so etwas auch im Studium lernen kann oder sollte. Auch gerade vielleicht vor dem Hintergrund, dass so die datengetriebene Wirtschaftsforschung oder empirische Wirtschaftsforschung ja eine wesentliche Rolle spielt, schon seit vielen Jahren. Also sollte man das vielleicht im Studium schon lernen?<br>[40:37] Martina Grunow:<br>Ich glaube, dass das eine gute Idee ist. Ich glaube, um sinnvoll eine Replikation durchzuf\u00fchren, braucht man nat\u00fcrlich Grundlagen. Also es sollte nicht gleich am Anfang der empirischen Ausbildung stehen. Da muss man erst einmal wirklich Wissen \u00fcber Statistik haben, \u00fcbers empirische Arbeiten haben und auch \u00fcber den Umgang mit Daten haben. Wo sich das sicherlich gut im Studium unterbringen l\u00e4sst, ist als eine Abschlussarbeit. Zum Beispiel als Masterarbeit. Weil letzten Endes die Grundlagen sind gelegt daf\u00fcr, wenn denn auch die Statistik ein Teil der Ausbildung war. Und dann bietet sich das ganz wunderbar an f\u00fcr eine Masterarbeit. Und kann dann vielleicht auch den Weg weisen, f\u00fcr jemanden, der sein Studium abschlie\u00dft, ob er denn dann eigentlich den Weg weitergehen m\u00f6chte des wissenschaftliches Arbeitens oder dann eben feststellt, puhhh, also diese intensive Auseinandersetzung mit einem so\u2019nem Thema, das liegt mir doch nicht so stark.<br>[41:35] Doreen Siegfried:<br>Ja. Okay. Zum Abschluss. Also, ich halte nochmal fest, bevor gleich die letzte Frage kommt\u2026die guten Ideen, also bei einer kumulativen Promotion irgendwie eine der ersten Publikationen einer Replikationsstudie, dann h\u00e4tten wir auch gleich mehr Replikationsstudien, mehr als 50% und viele Masterarbeiten k\u00f6nnten auch Replikationsstudien sein, w\u00fcrde die Zahl sozusagen nochmal nach oben treiben. H\u00e4tten alle was von, ist auch nicht so schwer umzusetzen. Also, alle Leute, die das jetzt hier h\u00f6ren, macht das doch mal in eurem Studium bzw. wenn Sie Dozierende sind, vergeben Sie doch mal so eine Masterarbeit, die eine Replikationsstudie ist. Aber nochmal zur\u00fcck zu Martina Grunow, letzte Frage. Wenn du dir jetzt drei Dinge f\u00fcr die akademische Welt w\u00fcnschen d\u00fcrftest, was w\u00e4ren diese drei?<br>[42:24] Martina Grunow:<br>Ich glaube, diese drei Dinge kann ich reduzieren auf Zeit, Zeit und nochmal Zeit. Und das auf unterschiedlichen Ebenen. Ich glaube, dass wir in Sachen Qualit\u00e4t der Forschung und damit auch die Glaubw\u00fcrdigkeit und Vertrauen in die wirtschaftswissenschaftliche Forschung, gut daran tun w\u00fcrden, wenn wir diesen enormen Druck wieder schaffen w\u00fcrden, rauszunehmen. Der ja vor allem enormer Zeitdruck ist. Wie gesagt, ich glaube, dass Erkenntnisgewinne, Erkenntnisgenerierung und auch Verst\u00e4ndnis von Dingen einfach Zeit braucht. Und damit braucht auch gute Forschung Zeit. Und was wir bisher haben oder was wir jetzt haben, im aktuellen System, dass wir Publikationen hinterherhetzen und das ist genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen. Um wirklich gute, brauchbare Forschung zu haben, die wir dann auch verwenden k\u00f6nnen und die auch einen gesellschaftlichen Nutzen hat. Das andere ist, die Zeit f\u00fcr den Mittelbau, den ich schon angesprochen habe. Nicht nur mit dem gro\u00dfen Publikationsdruck, sondern auch in der Tat, dann solche Fragen der Rahmenbedingungen f\u00fcr den Mittelbau. Es geht um Zeitvertr\u00e4ge, das ist genau das Gegenteil von dem, was ich mit Zeit meine. Das f\u00fcr den Mittelbau in Sachen Zeit einfach eine gr\u00f6\u00dfere Verl\u00e4sslichkeit geschaffen wird damit sich die Nachwuchsforschenden auch tats\u00e4chlich auf die Forschung einfach mal einlassen k\u00f6nnen. Und eben nicht, schnell schnell, irgendwas machen, weil sie sich eigentlich auch sowieso schon wieder um die n\u00e4chste Stelle k\u00fcmmern m\u00fcssen. Sondern auch die die Zeit haben, sich auf die Forschung an sich einzulassen. Und dann nicht nur auf die Forschung, sondern auch auf die Lehre und das ist der letzte Punkt f\u00fcr den wir Zeit brauchen. Gute Lehre bedeutet eine Investition, einerseits f\u00fcr die Lehrenden selber, das ist sehr zeitaufwendig, gute Lehre vorzubereiten. Und gleichzeitig glaube ich, dass wir wieder den Studenten mehr Zeit geben m\u00fcssen, als sie\u2019s derzeit haben, um im Studium eben nicht nur Wissen m\u00f6glichst schnell irgendwie herangetragen zu bekommen. Sondern auch die M\u00f6glichkeit haben, Wissen zu verarbeiten und damit Studium auch mehr bedeutet, als nur Wissenserfassung oder Wissensaufnahme, sondern vielleicht auch wieder ein gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung bedeutet.<br>[44:38] Doreen Siegfried:<br>Ja. Das ist ja ein wunderbares Schlusswort. Das h\u00e4tte man sich ja besser gar nicht vorbereiten k\u00f6nnen. Vielen Dank Martina f\u00fcr das Gespr\u00e4ch. Liebe H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer: wenn Sie dieses ganze Thema Open Science, Open Data generell und vor allem Open Science in den Wirtschaftswissenschaften im speziellen interessiert, dann h\u00f6ren Sie doch bitte auch gern in die kommenden Folgen rein. Sie finden unseren Podcast bei iTunes und andere Podcatchern zum Abonnieren. Also viel Freude beim Zuh\u00f6ren, bleiben Sie dran. Auf Wiederh\u00f6ren!<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"tags":[14,41,4,8,26,38,40,28,11,12],"class_list":["post-9","podcast","type-podcast","status-publish","hentry","tag-bwl","tag-empirical-economics","tag-leibniz","tag-open-science","tag-publizieren","tag-replication","tag-replikation","tag-vwl","tag-wirtschaftswissenschaften","tag-zbw","post"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.0 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>FOS 01 Die Replikationsstudie - The Future is Open Science<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"\u201eReplikation ist alles andere, als dass man einfach abkupfert, was jemand anders sich im h\u00f6chst kreativen und wissenschaftlich komplizierten Denkprozess schon \u00fcberlegt hat \u2026\u201c, so Dr. Martina Grunow, Managing Editor IREE.\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/podcast.zbw.eu\/fos\/2020\/10\/21\/fos01-die-replikationsstudie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"FOS 01 Die Replikationsstudie - 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